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Auf der Suche nach dem richtigen Ton

(Berlin/Trier) Übersetzen ist eine Kunst für sich. Weit mehr als Handwerk. Deshalb würdigt der Internationale Literaturpreis des Berliner Hauses der Kulturen neben einem Autor immer auch einen Übersetzer. Schon zum zweiten Mal darf sich die aus Trier stammende Lena Müller darüber freuen.

08.07.2017
Anne Heucher
Berlin/Trier Wie Musik ist "Tram 83" komponiert, ein Roman über das Leben in der von Gewalt geprägten Gesellschaft im postkolonialen Kongo. Und das sind naturgemäß keine beschwingten, leichten Melodien. Der Autor Fiston Mwanza Mujila "skandiert, brüllt, säuselt die Sätze", so sagt es die Jury, die den Text ausgewählt hat für den mit 20 000 Euro dotierten Internationalen Literaturpreis. Wie Jazzklänge aus dem Saxofon. Am Donnerstagabend wurde dem 36-Jährigen in Berlin der Preis verliehen. Dass sein auf Französisch verfasstes Werk derart einschlägt und hierzulande viel Beachtung findet, verdankt der Autor auch der "mitreißenden Sprache" der beiden Übersetzerinnen Lena Müller und Katharina Meyer.
Lena Müller, Jahrgang 1982, stammt aus Trier, hat 2002 am Auguste-Viktoria-Gymnasium in Trier Abitur gemacht, einige Jahre in Frankreich gelebt und als Freie Autorin und Übersetzerin schon mehrere Romane ins Deutsche gebracht. Sie bekennt, begeistert zu sein von dem "Flow beim Übersetzen" und dem "Suchen und Finden des richtigen Tons". Den sucht sie im Verbund mit anderen freiberuflichen Publizisten in einer Berliner Bürogemeinschaft, dem Netzwerk "intertextuel für Übersetzungen und Textarbeit auf Französisch und Deutsch". Schon im vergangenen Jahr erhielt Lena Müller den Internationalen Literaturpreis des Berliner Hauses der Kulturen, damals für die Übersetzung des provozierenden und aufsehenerregenden Romans "Erschlagt die Armen" - wie "Tram 83" ein politisches Buch.
Jurymitglied Sabine Scholl sagte zur Entscheidung: "Das Gute am Gewinnertitel war, dass er sowohl aus ästhetischer Sicht sehr gelungen ist, als auch die politische Relevanz besitzt, die es braucht, um einen solchen Preis zu bekommen."
Der Internationale Literaturpreis rückt nach eigenem Bekunden weltweite Gegenwartsliteraturen als literarische Praktiken und Prozesse in den Fokus. Es geht dabei "um die Entgrenzung des literarischen Kanons und um das Vermögen von Erzählungen und Übersetzungen, gesellschaftliche, fiktionale und sprachliche Horizonte zu erweitern". 15 000 Euro erhalten die beiden Übersetzerinnen gemeinsam aus dem Preis.

Fiston Mwanza Mujila, "Tram 83", Roman, übersetzt aus dem Französischen von Katharina Meyer, Lena Müller, Verlag Carl Hanser München, 208 Seiten, 20 Euro.
Extra: FISTON MWANZA MUJILA SCHRIEB "TRAM 83"

Fiston Mwanza Mujila, Jahrgang 1981, stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, er schreibt Gedichte, Kurzprosa und Theaterstücke und unterrichtet an der Universität in Graz (Österreich) afrikanische Literatur. Sein erster Roman "Tram 83", der im Juli 2016 erschien, wurde sofort ein großer Erfolg: Er kam auf die Longlist des Man Booker International Prize und des Prix du Monde, erhielt den Etisalat Prize for Literature sowie den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen Berlin. Seine Texte, heißt es dort, komponiere er "wie ein Jazzmusiker, wie ein Saxofonist" - es sei ein radikaler Bericht über das Leben im von Gewalt geprägten postkolonialen Kongo.