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"Darum sind Gefühle verboten und Eigensinn"- Autor Friedrich Christian Delius liest beim Eifel-Literatur-Festival

(Bitburg) Seinen Roman "Die Liebesgeschichtenerzählerin" hat Friedrich Christian Delius beim Eifel-Literatur-Festival in Bitburg vorgestellt. Dabei erfuhren die 300 Zuhörer, warum den Büchner-Preisträger historische Stoffe reizen. Dossier zum Thema: EifelLiteraturFestival

26.06.2016
Ulrike Löhnertz
Bitburg. Widersprüche reizen ihn. Denn Friedrich Christian Delius, einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Deutschlands, geht den Dingen gerne auf den Grund. Sein Interesse für Zeitgeschichte ist bekannt, sein Faible dafür, diese im Spiegel menschlicher Schicksale darzustellen, ebenso.

Eifel-Literatur-Festival 2016


Das gilt auch für seinen aktuellen Roman "Die Liebesgeschichtenerzählerin", den er beim Eifel-Literatur-Festival im ausverkauften Festsaal des Hauses Beda vorstellt, und der weitaus mehr ist als eine Aufarbeitung der persönlichen Geschichte.
Ja, sicher, es gibt Anleihen an Menschen aus seiner Familie - an den Großvater, die Tante - das verhehlt der 73-Jährige im Gespräch mit Festivalchef Josef Zierden nicht. Aber, so sagt der Büchner-Preisträger, "es geht mir nicht darum, meine Familiengeschichte zu schreiben".
Viel mehr interessierten ihn "die Konflikte, und wie sich Menschen in ihrer Zeit bewegen". Dafür müsse er sich "in verschiedene Rollen hineinbegeben, zurücktreten und versuchen, meine Fragen an die Welt zu stellen und sie durch die Figuren zu verstehen".
Genau das tut er in seinem aktuellen Roman "Die Liebesgeschichtenerzählerin", den er im Haus Beda vorstellt, gleich im doppelten Sinne. Denn auch die Hauptfigur, Marie von Schabow, Ende 40, vierfache Mutter, will den Widersprüchen auf den Grund gehen. Sie kommt endlich nach Jahren der Pflichten dazu, ihren Traum zu planen: ein Buch über die heimliche Beziehung ihrer Ur-Ur-Ur-Großmutter zum Oranierprinzen und späteren König Willem.
Eine Recherchereise, die sie 1969 in die Niederlande führt, und die Rückreise mit dem Zug nach Frankfurt führt die Protagonistin jedoch auf die Spur zweier weiterer Liebesgeschichten: die ihrer Eltern und ihre eigene. Jede überschattet von einer blutigen Auseinandersetzung in Europa: dem Napoleonischen, dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
Marie wundert sich, ..."dass die drei Liebesereignisse auf dem Boden von schweren, katastrophalen Niederlagen erblüht waren ..." Sie will es herausfinden, doch während die Gedanken in einem inneren Monolog durch ihren Kopf strömen, drängt sich eine der Figuren in den Vordergrund: der Vater, ein U-Boot-Kapitän. Ein widersprüchlicher Mann: beherrscht, autoritär, gefühlskalt, pflichttreu bis zur Selbstaufgabe. Auf der anderen Seite ein Gedichteschreiber - witzig, verzweifelt und traurig.
Marie sucht nach den Gründen für seine Widersprüche und findet sie in seiner Zeit, in der preußischen Erziehung der Kaiserzeit, in der Unmöglichkeit, Gefühle zuzulassen in Zeiten des Krieges. "... und damit die gewohnte Welt erhalten bleibt, hat man sich zusammenzureißen, als Offizier sowieso, darum sind Gefühle verboten und Eigensinn ...".
Marie kommt dem Vater näher, ohne seine Widersprüche aufzulösen. Sie kann sie begreifen, denn auch in ihrem Leben gibt es Widersprüche.
Von der Dynamik des Vater-Tochter-Konfliktes lebe das Buch, sagt Delius. Ihn habe gerade die Vater-Figur interessiert. Dabei habe er, "lange gebraucht, um diese differenziert darzustellen". Ein Widerspruch? Wohl eher ein Reiz.
Extra
Die nächste Lesung beim Eifel-Literatur-Festival: Max Moor, "Als Max noch Dietr war", Freitag, 8. Juli, 20 Uhr, Cusanus-Gymnasium, Wittlich. red Karten gibt es im TV-Service-Center Trier, unter 0651/7199-996 sowie im Internet auf www.volksfreund.de/tickets
Extra
Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, ist einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren. Seit 1978 ist er freier Schriftsteller. Seine Tätgkeit als Autor begann in den 1960er Jahren mit gesellschaftskritischer Lyrik und dokumentarischen Texten ("Unsere Siemens-Welt", 1972). Bekannt wurde er in den 70er Jahren mit seinen Romanen ("Mogadischu Fensterplatz", 1987; "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde", 1994; "Die Liebesgeschichtenerzählerin", 2016), in denen er sich vorwiegend mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt. Er erhielt unter anderem den Joseph-Breitbach-Preis und den Georg-Büchner-Preis. Delius lebt in Berlin. utz