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Der Mann, der Fernsehgeschichte geschrieben hat: Thomas Koebner analysiert die Filme des Hunsrücker Regisseurs Edgar Reitz

(Trier) Chronist einer Generation, eines Jahrhunderts, seiner Heimat: Attribute für den Regisseur Edgar Reitz, der mit seiner „Heimat“-Trilogie Film- und Fernsehgeschichte geschrieben hat. Eine neue Untersuchung widmet sich seinem Werk, das parallel zum Buch auf 18 DVDs veröffentlicht wird.

16.04.2015
Rainer Nolden
Heimat, Heimat im Film, Heimatfilm – in Cineastenkreisen waren diese Begriffe vermintes Gelände, eine No-go-area für alle Filmregisseure, die auf sich und ihren guten Ruf hielten. Heimatfilm war zuckersüße heile Welt, bevölkert von Rudolf Prack und Sonja Ziemann, ein Paar, das als Zieprack zweifelhafte Popularität genoss. Heimatfilm – das war eine durch und durch verlogene Angelegenheit, in der Fremde und Fremdes als Bedrohung empfunden und entweder assimiliert oder aussortiert wurden.

Neuanfang in Oberhausen

Spätestens mit dem Oberhausener Manifest, verkündet bei den Internationalen Kurzfilmtagen 1962, wurde „Papas Kino“ – und damit auch der verachtete Heimatfilm – für tot erklärt. Einer der Kämpfer an vorderster Front: Edgar Reitz, der seine berufliche Laufbahn mit Industrie- und Dokumentarfilmen begann und wenig später zur ersten Riege der Vertreter des Neuen deutschen Films gehörte („Mahlzeiten“ 1967, „Geschichten vom Kübelkind“ 1971). 
Und gerade der Hunsrücker sollte das Genre „Heimatfilm“ 20 Jahre später wieder mit einer Wucht und Nachhaltigkeit revitalisieren, die ihm im deutschen Nachkriegskino einen singulären Ehrenplatz sichert. Wobei die Heimat, wie sie von Reitz bebildert wird, keine nostalgieselige Vergangenheitsbeschwörung ist, sondern „versucht, das Verlorene anschaulich zu machen, ohne sich in ihren Rückblicken einer sentimental seufzenden Wehleidigkeit zu überlassen“, wie es Reitz-Biograph Thomas Koebner formuliert.

Allzu großer Erfolg war Reitz zunächst – abgesehen von „Mahlzeiten“ – nicht beschieden; nach den Verrissen des „Schneider von Ulm“ (1978) stellte sich der mittlerweile 46-jährige Regisseur sogar die Frage, ob er überhaupt den richtigen Beruf ergriffen habe: „Als ich als Kurzfilmer noch die Wahl hatte, Theaterregisseur oder Schriftsteller zu werden – ich hätte in mancher Hinsicht mein Leben anders entwerfen können.“ 

Sinnsuche im Hunsrück

In dieser Lebens- und Sinnkrise besinnt Reitz sich auf seine Wurzeln, er zieht sich zurück in eine Hütte in den Hunsrücker Wäldern und beginnt zu schreiben. Zum ersten Mal hatte er das Thema des In-die-Welt-Hinausgehens in der Tragikomödie „Die Reise nach Wien“ verarbeitet, die 1973 im real existierenden Simmern ihren Ausgang nimmt und die Abenteuer zweier Freundinnen in der österreichischen Hauptstadt im Jahr 1943 schildert. Es ist das erste und einzige Mal, dass der Regisseur mit sogenannten Stars der Branche arbeitet: Elke Sommer, Hannelore Elsner und Mario Adorf; ein Konzept, das er elf Jahre später, als er sein „opus magnum“ realisiert, konsequent verwirft. Nur mit den Laiendarstellern, die er aus den verschiedenen Hunsrückdörfern ins fiktive Schabbach umsiedelt, und relativ unbekannten Schauspielern konnte er die Illusion des Quasi-Dokumentarischen erzeugen, die die unverwechselbare Atmosphäre der ersten „Heimat“-Staffel ausmacht. 

Marita Breuer, die Urmutter Maria aus „Heimat“, war damals Ensemblemitglied am Kölner Schauspielhaus und über die Domstadt hinaus kaum bekannt. Lediglich Gudrun Landgrebe brachte, jedoch eher unbeabsichtigt, „Starqualitäten“ in die Serie ein: Die bei den Städtischen Bühnen Dortmund engagierte Schauspielerin hatte parallel zur vierjährigen „Heimat“-Entstehung (1980-1984) 1983 mit Robert van Ackeren „Die flambierte Frau“ gedreht. 
Der Film machte sie über Nacht bekannt. Und so wurde die neunte Episode der „Heimat“, die die unglückliche Liebesgeschichte von „Hermännchen“ und der Hausmagd Klärchen (Landgrebe) erzählt, unversehens zu einem „Film mit Gudrun Landgrebe“.

„Edgar Reitz – Chronist deutscher Sehnsucht“ hat der Filmwissenschaftler Thomas Koebner seine „Biographie“ genannt. Das Buch ist jedoch mehr minuziöse Werkanalyse als Schilderung eines Lebenswegs, denn dem Autor geht es nicht um den Privatmann, sondern um den Filmkünstler Reitz. 
Alles oder fast alles Persönliche wird ausgeblendet: Die Herkunft aus Morbach, die Jugend im Hunsrück, die Lehr- und Wanderjahre, unter anderem in München und Ulm, all das wird kaum gestreift. Das Autobiographische wird quasi indirekt notiert, muss aus den Filmen herausgelesen werden: „Es gibt nur eine Quelle, aus der ein Filmemacher seine eigene, unverwechselbare Sicht der Dinge gewinnen kann, das ist sein eigenes Leben“, zitiert Koebner den Regisseur. „Die selbst gemachten Erfahrungen machen uns kompetent, auch in künstlerischer Hinsicht. Diese Einstellung ist nichts anderes als die Grundidee des Autorenkinos.“

Und so kann, wer den Privatmann Edgar Reitz (zumindest ein wenig) kennenlernen möchte, sich in die gleichzeitig erschienene Neuausgabe der „Heimat-Trilogie“ versenken: 3540 Minuten Film, von denen zumindest die ersten beiden Staffeln Fernsehgeschichte geschrieben haben.

Die Kassette enthält neben den drei Serien zusätzliches Material zur Entstehung, liefert mit „Die Frauen“ einen eigenständigen Film, der eine Huldigung an die weiblichen Figuren der Reihe ist, und lässt in „Geschichten aus den Hunsrückdörfern“, diesem „Präludium zur Heimat-Trilogie“, Reitz’ „Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit“ Revue passieren: „Heimat ist etwas Verlorenes“, sinniert der Regisseur in dem der Kassette beigelegten Booklet, das der Geschichte der Familie Simon nachspürt, „hat mit Erinnerungen zu tun, mit Kindheit, mit den frühen Erfahrungen, die ein Mensch macht, und ist etwas, was man als Erwachsener immer auf eine sehnsüchtige Weise sucht.“ 

Heimat bleibt ein Leben lang

Anders ausgedrückt: Die Heimat trägt jeder ein Leben lang mit sich – auch wenn er längst nicht mehr zu Hause ist. Und ganz nebenbei hat Edgar Reitz den Begriff „Heimat“ vom unappetitlichen Beigeschmack nationalsozialistischer Gefühlsduselei befreit, der ihm im Grunde bis zur Premiere der ersten Staffel, also fast 40 Jahre nach Kriegsende, anhaftete wie ein vergilbtes Etikett.

Thomas Koebner, Edgar Reitz – Chronist deutscher Sehnsucht. Eine Biographie. Reclam Verlag Stuttgart 2015, 283 Seiten, zahlr. Abb., 26,95 Euro.
Edgar Reitz, Die „Heimat“-Trilogie, 18 DVDs, Spieldauer insgesamt: 59 Stunden. Reclam Verlag Stuttgart, 2015.





Fotos (2): dpa

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