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Der Meister war da

(Trier) Im Theater Trier hatte Susanne Linkes Tanzstück Premiere - und begeisterte ein letztes Mal.

30.10.2017
Eva-Maria Reuther
Trier Schon das Eingangsbild ist gewaltig. Im opulenten gelben Abendkleid, der mittelalterlichen Farbe des Hurenkleides, sitzt der Tod auf der Bühne und gebiert Ungeheuer. Als Wächter einer finsteren Macht und eines zweifelhaften Paradieses werden sie später vor dem Bühnenbild stehen. Die weiße variable Faltwand ist gleichermaßen Projektionsfläche, Festung und Wohnstatt einer dennoch unbehausten Welt voller Widersprüche und Unwägbarkeiten. "Hieronymus und der Meister sind auch da", ist Susanne Linkes letzte Choreographie als Direktorin der Tanzsparte des Trierer Theaters. Seit jeher ist die Welt des Menschen das große Thema der international hochangesehenen Tänzerin und Choreographin.
Susanne Linke erzählt keine Geschichten aus der menschlichen Provinz. Sie geht vielmehr der Sache auf den Grund. Als ein verzerrtes Kräfteparallelogramm bekömmlicher wie zerstörerischer emotionaler und geistiger Energien entlarvt sie über die Bewegung die menschliche Natur und ihre gesellschaftlichen Konstruktionen. Diesmal hat die Choreographin zwei Künstler von Weltgeltung zum Zeugen gerufen, deren Werke 500 Jahre auseinanderliegen und dennoch eng zusammenhängen.
Hieronymus Bosch, der Maler an der Grenze von Mittelalter und Neuzeit hat faszinierend ins Bild gesetzt, was an Ungeheuern und skurrilen Zerrbildern das Nachtreich des Unterbewusstseins bevölkert. Die malerisch verschlüsselte Innen-und Außenschau des Niederländers hat der Russe Michail Bulgakow als surrealistischen Roman gefasst. Sein berühmtestes Werk "Der Meister und Margarita" ist eine absurde Satire auf die Verhältnisse in der jungen Sowjetunion mit ihren Überwachungssytemen und ihrer Bürokratie.
Ein zeitloses Panoptikum gewalttätiger Narretei, das lediglich seine Zeitgewänder ändert oder sich durchs kulturelle Erscheinungsbild unterscheidet, ist die Menschenwelt auch in Susanne Linkes Tanzstück. Glücksmomente sind nicht von Dauer, Sicherheit eine Illusion. Wie Bosch und Bulgakow vermeidet die Choreographin jeglichen Moralistenton. Stattdessen hat sie ein witziges, hochpoetisches, beredtes Stück geschaffen. Mit Leichtigkeit sagen die Bewegungen ihrer Tänzer bittere Wahrheiten. Bisweilen erscheinen auf der weißen Faltwand Motive aus Boschs Bildern in Grautönen. Dann ist es, als ob in den, in fantasievolle, farbenprächtige Kostüme gekleideten Tänzern davor, Boschs Bildwelt leibhaftig würde (Ausstattung Alfred Peter). Einmal mehr zeigt sich an diesem Abend, wie sehr das Trierer Tanzensemble inzwischen zur Einheit geworden ist. Präzise bis ins kleinste Detail sind die Bewegungen, homogen die Gruppenbilder, herrlich dialogisch die Pas de deux. Ein großartiges Solo tanzt Sergey Zhukov in Korsage und goldenem Beinkleid, ein merkwürdiges Zwitterwesen, unwirklich in seiner Realität. Boschs Bildern scheint auch Paul Hess als hinreißende Erdbeere entstiegen, die auf einer Art Laute eine Eigenkomposition auf der Basis von "Time to say good bye" und "My heart will go on" unter dem Titel "Our heart will go to all the dancers" intoniert. Linkes unwirtliche Welt hat viele Herren, nicht zuletzt wie hier zu sehen, eine Kirche, die Menschen ans Messer liefert und deren brüderliche Umarmung ein Klammergriff ist. Zu all dem erklingt die musikalische Collage von Wolfgang Bley-Borkowski, mit Musik von Django Reinhardt bis Krysztof Penderecki.
Susanne Linke hat ein Werk geschaffen, in dem sich Fantasie, tänzerisches Können und kritische Weltsicht zum eindrucksvollen Gesamtkunstwerk verbinden, das aktuell ist ohne modernistisch zu sein. Nie gibt es den Anspruch seiner künstlerischen Bildhaftigkeit auf. Das mag auch das Publikum so gesehen haben, das geschlossen und anhaltend stehend applaudierte. Ein Applaus, der Dank und Solidaritätsbekundung war.
Aufführungen 7., 15., 25. November, 29. Dezember, 17. Februar, 19.30 Uhr, Großes Haus,7. Januar, 18 Uhr, Großes Haus