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Der Vater des Sams

Paul Maar kommt zum Eifel-Literatur-Festival

(Gerolstein) Paul Maar, einer der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren, kommt im September zum Eifel-Literatur-Festival. Bekannt wurde er vor allem als "Vater" des Sams, eines Fabelwesens, das inzwischen Hauptfigur von acht Romanen und drei Filmen ist. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller hat noch über 40 weitere Bücher sowie Theaterstücke verfasst. Wenn die Sommerpause des Festivals vorbei ist, liest Maar im Gerolsteiner St. Matthias Gymnasium.

20.07.2016
Anke Emmerling
Gerolstein. Ein Millionenpublikum hat Paul Maar mit seinen Büchern erreicht, fast 20 Schulen in ganz Deutschland sind nach ihm benannt, und er ist nach einer Statistik der "Deutschen Bühne" der meistgespielte lebende deutsche Theaterautor. Die Karriere des 1937 in Schweinfurt geborenen und in Bamberg lebenden Autoren begann mit einem Studium der Malerei und Kunstgeschichte sowie einer sechsjährigen Tätigkeit als Kunsterzieher. Kinderbücher zu schreiben, begann er erst Ende der 1960er Jahre, als er selbst Vater war, denn: "Die Bücher, die ich meinen Kindern aus der Stadtbibliothek mitgebracht und vorgelesen habe, gefielen mir alle nicht. Sie waren verstaubt und konventionell und atmeten zum Teil noch den Geist des Dritten Reiches."

Eifel-Literatur-Festival 2016


1973 erschien "Eine Woche voller Samstage", das erste Buch mit dem Sams. Das so freche wie liebenswerte Fabelwesen traf den Nerv der Zeit und wurde so populär, dass Maar ihm noch sieben weitere Romane widmete, von denen drei verfilmt wurden. Das Aussehen des Rotschopfs mit der Stupsnase und den blauen Wunschpunkten im Gesicht hat Maar, der alle seine Bücher selbst illustriert, zusammen mit seinen drei Kindern erfunden. Und für die Geschichten um das Sams stehen zum Teil eigene Erfahrungen Pate: So ist der "Adoptivvater" des Sams, Martin Taschenbier, schüchtern wie der junge Paul Maar und wird genauso von Stärkeren drangsaliert wie dieser einst. Die strenge Frau Rotkohl hat ihr Vorbild in einer Hausmeisterin, die den Maar-Kindern das Spielen im Mietshaus untersagte.
Paul Maar hatte eine unglückliche Kindheit, die vom frühen Tod der Mutter und der Kriegsgefangenschaft des Vaters überschattet war. Vaterersatz fand er in einem Opa, der als Wirt seinen Gästen Geschichten erzählte und Paul ermutigte, eigene Geschichten aufzuschreiben. Der Junge entdeckte früh seine Liebe zu Büchern. Weil es nach dem Krieg kaum welche für Kinder gab, lieh er sich in einer öffentlichen Bibliothek Erwachsenenliteratur. Als sein Vater frustriert aus der Gefangenschaft heimkehrte, verbot der ihm, zuhause zu lesen. Paul Maar tat es trotzdem, bei einem Freund, den er angeblich wegen der Hausaufgaben aufsuchte. Diese Beschäftigung mit Literatur hat Maars Werk ebenfalls beeinflusst. Die Sams-Bücher beispielsweise enthalten etliche Anspielungen auf E.T.A. Hoffmann. Da tauchen das Doppelgängermotiv, der sprechende Hund oder "das fremde Kind" auf, und Martin Taschenbier fährt mit dem Bus ab Bamberg Schillerplatz, wo das E.T.A.-Hoffmann-Haus steht. In einem Interview sagte der Autor einmal: "Ich weiß, dass vieles, was ich in meinen Geschichten zu verwirklichen suche, vom lesenden Jugendlichen nicht wahrgenommen wird, zumindest nicht bewusst.Trotzdem meine ich, ist diese Feinarbeit am Text nicht umsonst, weil sie ihm Dichte und Tiefe verleiht." Die Qualität seiner Werke hat Maar längst in den Rang eines Klassikers erhoben. Seine identitätsstiftenden Helden wie der Träumer Lippel, das kleine Känguru und Herr Bello sind in Millionen Kinderzimmern zuhause. Maar ist überdies für viele beliebte Stücke der Augsburger Puppenkiste verantwortlich, hat viele Kindertheaterstücke und Fernseh-Drehbücher geschrieben, englische Kinderliteratur übersetzt und zahllose Bücher illustriert.
Beim Eifel-Literatur-Festival präsentiert er sein literarisch-musikalisches Projekt "Das fliegende Kamel", mit der Mittelalter-Musik-Band Capella Antiqua Bambergensis. Die Schullesung in Gerolstein ist ausverkauft.
Extra
In dem Buch "Das fliegende Kamel" erzählt Paul Maar einige der seit dem 15. Jahrhundert überlieferten Anekdoten um den "türkischen Eulenspiegel" Nasreddin Hodscha nach. Der soll schon als Kind einer der bekanntesten Schelme, Philosophen und Erzähler der islamischen Welt gewesen sein. Er lügt, dass sich die Balken biegen, ist Hochstapler wie Philosoph zugleich und verblüfft seine Zuhörer mit Weisheit. So resümiert er, nachdem er einer staunenden Menge aufgetischt hat, er sei mit einem Kamel geflogen: "Was seid ihr nur für Gläubige! Wenn ich eine gute Predigt halte, schlaft ihr ein. Wenn ich aber Lügen erzähle, wacht ihr auf und hört mir zu!" Maar erzählt die hintersinnigen Geschichten für junge Leser neu und erfindet eigene Schelmengeschichten aus der Gegenwart dazu. Das Buch ist mit Zeichnungen von Aljoscha Blau illustriert und wird auch als Hörbuch in Deutsch und Türkisch mit Musik der Capella Antiqua Bambergensis angeboten.ae Das fliegende Kamel, Verlag: Oetinger, 63 Seiten, Altersempfehlung: ab 6 Jahren, 12 Euro.
Extra
Paul Maar, Mittwoch, 7. September, 15 Uhr, Aula St. Matthias-Gymnasium Gerolstein, Uwe Timm , Freitag, 9. September, Cusanus-Gymnasium Wittlich (Schullesung 10.30 Uhr, öffentliche Lesung 20 Uhr), Judith Hermann, Freitag, 23. September, Haus Beda, Bitburg, Pater Anselm Grün, "Versäume nicht dein Leben", Donnerstag, 6. Oktober, Stadthalle Bitburg, Alpenkrimi-Autor Jörg Maurer, Freitag, 14. Oktober, Forum, Daun Bettina Tietjen, "Mein Vater, die Demenz und ich", Freitag, 21. Oktober, Karolingerhalle, Prüm, Thrillerautor Sebastian Fitzek, Samstag, 29. Oktober, Stadthalle Bitburg. Die Lesungen beginnen, wenn nicht anders angegeben, um 20 Uhr. red Karten: TV-Service-Center Trier, Hotline 0651/7199-996, www.volksfreund.de/tickets