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Der große Meister der Melancholie - Nick Cave spielt vor 4000 Leuten in Luxemburg

(Esch/Alzette) Schwermut leicht gemacht: Nick Cave und sein emotionaler Parforce-Ritt in der gut gefüllten Rockhal Esch.

12.10.2017
Andreas Feichtner
Was wir lieben, werden wir verlieren. Vielleicht nicht heute, aber irgendwann schon. Nick Cave ist nicht der erste, der die traurige Gewissheit in Worte gefasst hat. Aber dennoch fröstelt einem fast, wenn der Australier mit bohrendem Blick und fester Stimme in der Luxemburger Rockhal gleich im ersten Song "Anthrocene" daran erinnert. "All the things we love, we love, we love, we lose."
Da hat jeder seine eigene größere oder kleinere Verlustbiographie. Nick Caves Schmerz ist frisch. Vor zwei Jahren hat er einen seiner Zwillingssöhne verloren. Arthur, 15 Jahre alt, ist bei einem Drogen-Selbstversuch verunglückt. LSD-Trip. Er stürzte im Süden Englands von einer Klippe.
Das neue Album "Skeleton Tree" gilt auch als Nick Caves leidenschaftlich vertonte Trauerarbeit. Mit seinen "Bad Seeds" spielt er das überwiegend ruhige Album vor den rund 4000 Zuschauern in Luxemburg fast komplett. Seinen einen großen 1990er-Hit, den in Deutschland so ziemlich jeder kennt, spielt er dagegen nicht: "Where the Wild Roses Grow" mit Duettpartnerin Kylie Minogue hat seinen Zweck einst erfüllt. Das frühere Popsternchen wurde danach ernster genommen.

Es sind Lektionen in Melancholie vom wohl charismatischsten Schmerzensmann der Rock- und Pop-Gegenwart. Meist todernst, aber immer ohne das sterbenslangweilige Pathos, ohne die Glutamat-Emotionen der Stadionrock-Industrie. Und bevor es tiefschwarz vor Augen wird, malt Cave auch mal lyrische Fieberträume in knallbunten Farben, etwa wenn er Hannah Montana und Miley Cyrus im "Higgs Boson Blues" durch die Zeilen scheucht. Oder er in der fantastischen Noise-Version des über 30 Jahre alten "From Her to Eternity" mal ein "Hey sister with the fucking iPhone" unterbringt. Ja, da stehen Menschen und filmen, knipsen, staunen, auch beim alten Meister der Schwermut.

Denen kann er dann gerade nicht die Hand schütteln, was er sonst gerne macht, publikumsnah wie er ist.
Beim Zugabenblock, der mit "The Weeping Song" beginnt, steht Nick Cave mitten im Publikum. Das reagiert auf jede seiner Gesten. Klatschen. Aufhören! Wieder Klatschen. Ein Auserwählter darf der Mikrofonhalter sein, wenn der Australier wieder den Rhythmus vorklatscht. Schon in den über zwei Stunden zuvor lenkt der Mann im schwarzen Anzug fast in jeder Sekunde die Aufmerksamkeit auf sich. Wenn er allein am Flügel sitzt. Wenn er über die Bühne sprintet und über die Stege, die sie ihm gebaut haben. Wenn der Bariton in der einen Sekunde noch tief berührt und in der nächsten dann wütend ins Mikrofon bellt.

Diese immense Ausstrahlung, diese Präsenz mag zu Lasten seiner exzellenten Band gehen. Man müsste die "Bad Seeds" eigentlich stärker würdigen für ihre großartigen Genre-Wanderungen - Post-Punk, Noise- und Alternative-Rock, manchmal wird es fast Kammer-Pop, manchmal heftig dissonant. Aber die Band hat sich längst daran gewöhnt, dass nur einer im Rampenlicht steht.

Vor vier Jahren hatte die Band schon einmal in der Rockhal gespielt. Damals wie heute zog es viele Fans aus Deutschland zum Konzert - auch als gerne genommene Alternative: Die fünf Auftritte von Nick Cave and the Bad Seeds in Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf, Berlin und München waren bzw. sind allesamt ausverkauft.
Auch wenn Cave vor zwei Wochen 60 Jahre alt geworden ist - die Vitalität und Jugendlichkeit hat er sich bewahrt. An der Reife und Schwere hat es ihm ohnehin nie gemangelt. Vor dem Altern hat er keine Angst. "Das Alter ist ein Segen, Jugend ist ein Irrtum", sagte er mal in einem Interview. "Gibt es etwas Schöneres als durch Ruinen zu spazieren?" Durch das, was andere schon verloren haben. Aber Nick, die Bad Seeds, wir alle!, sind noch da. Er kann doch ganz schön sein, der Herbst.