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Die Macht des Gefühls

BERNKASTEL-KUES. Hubert Roestenburg, 1935 in Amsterdam geboren, ist seit zwei Jahren in der Eifel-Mosel-Region durch regionale und internationale Ausstellungen im Gespräch.

15.10.2003
Von unserer Mitarbeiterin
EVA-MARIA REUTHER

Seine Farbe setzt die Landschaft in Brand, sein Spachtel läßt seltsame Gebilde wie einen Schlangenbeschwörer durchs Bild tanzen. Rot glüht der Hals der Frauen in der schwarzen Nacht ihrer Haare. Nur manchmal, wenn eine Ahnung von Blüten den Bildraum füllt, träumt Hubert Roestenburgs Pinsel von Maientagen und Frühlingszauber. Die Bilder des holländischen Malers, die derzeit in der Akademie Kues hängen, sind tief aus der Seele gemalt. Daher reiht man ihn üblicherweise unter die Expressionisten ein. Was aber etwas anderes bedeutet, als die nachahmende Rückwärtswendung hin zu einem historischen Stil. Was den Niederländer Künstler zum Expressionisten macht, ist die besessene "Selbstzerpflückung" der eigenen Seele, die gewalttätige Unerbittlichkeit, mit der er in Bild und Farbe ans Licht zerrt, was das Innerste verschlossen hält.

"Der Expressionismus ist für das Auge, was der Schrei für das Ohr ist", schrieb der französische Kunsthistoriker Pierre Courthion. HubertRoestenburg hat solche Schreie klangstark und manchmal schreckenserregend nah gemalt. Als sei er eine Waffe im Kampf mit den eigenen Leidenschaften und der eigenen Zerissenheit, traktiert sein Spachtel immer wieder die Leinwand.

Gewaltige Farbakkorde entstehen auf diese Weise, so unmittelbar und so herzzerreißend , dass der Betrachter versucht ist, Schutz zu suchen vor dem Aufprall der Gefühle. Was Wunder, dass die Münchner Kunstkritik sich seinerzeit den Kopf zerbrach, ob der Holländer nicht doch eher ein "Neuer Wilder" denn ein Expressionist sei.

Zunächst hat Roestenburg in Amsterdam Psychologie und Philosophie studiert, so wie die Mutter, die Philosophie- Professorin war. Im Bild (in der Akademie zu sehen) hat er sie als eine liebenswürdige alte Dame mit klugem Blick festgehalten. Erst danach begann der studierte Seelenkenner ein zweites Leben mit der Farbe. An der Amsterdamer Reichsakademie und in Antwerpen studierte er Malerei.

Kosmopolit mit Eifeler Wohnsitz

Wie viele seiner Landsleute ist Roestenburg ein Kosmopolit, den sein polyglottes Leben weit in die Welt führte. Längst hat sein Werk international Anerkennung gefunden. Heute lebt der Maler im kleinen Eifelort Hontheim. Eines seiner stillsten Bilder, das zudem auf den ersten Blick die Tradition der niederländischen Landschaftsmalerei verrät, ist ein friedliches eisbedecktes Eifelmaar. Mag auch der Expressionismus eine kunstgeschichtliche Epoche bezeichen, seine Ängste, Leidenschaften und Wahnvorstellungen waren schon immer zeitloser Teil der künstlerischen Offenbarung. So wie Roestenburgs Bilder, in denen friedvolle Landschaften von verzehrenden Feuern bedroht werden und Frauen in einer Gestalt Heilige und Hexen sind.

Übrigens: Nicht alles ist laut und selbstzerstörerisch in den Bildern. Manchmal scheint sein Gemüt jenes liebliche Ge- läut zu durchziehen, von dem der deutsche Dichter spricht. Dann wird seine Palette sanft, und es fasziniert, wie zärtlich und sensibel Roestenburg mit der Farbe umgeht.

Bis 31. Oktober, mo.-fr. 9 bis 12 u. 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung, Tel.: 06531/9695-0.

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