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Essay: Autorin Judith Hermann ist die Stimme einer ganzen Generation - Lesung beim Eifel-Literatur-Festival in Bitburg

(Bitburg) Keine Autorin beschreibt Lethargie so fesselnd wie Judith Hermann. Am Freitag hat die 46-jährige Berlinerin in Bitburg aus ihrem neuen Erzählband „Lettipark“ vorgelesen – ein Höhepunkt im Programm des Eifel-Literatur-Festivals. Doch worin genau ist Hermanns Popularität begründet? Was macht sie zur Stimme einer ganzen Generation? Ein Essay von Frank Jöricke.

25.09.2016
Frank Jöricke
Wir waren die Glücklichen, die Auserwählten. Wir waren die erste Generation, die nicht mehr zu kämpfen brauchte. Auf dem Schlachtfeld schon gar nicht. Wenn Opa vom Krieg erzählte, fühlte sich dies so fremd und unwirklich an wie ein Märchen aus „1001 Nacht“. Doch auch die harmlosen, weniger blutigen Kämpfe blieben uns erspart. Anders als die 68er-Generation mussten wir uns nicht mehr gegen die Obrigkeit, zum Beispiel autoritäre, intolerante Lehrer, auflehnen. Denn unsere Lehrer, das waren ja die 68er, und die hatten für alles Verständnis.

So zogen wir in die Welt hinaus mit dem Gefühl, dass diese uns bereits gehörte. Selbstverwirklichung – Opa hätte das Wort nicht verstanden – war unser Lebensprinzip. Und Judith Hermann unsere Chronistin. Sie zeichnete auf, wie wir lebten, dachten, fühlten. „Zeichnen“ ist hierbei wörtlich zu verstehen. Ihre Kurzgeschichten waren keine Filme, in denen sich die Handlung überschlug, sondern Gemälde, die einen bestimmten Zeitraum, manchmal nur eine einzige Nacht, detailreich festhielten. Action? Fehlanzeige!

Schon in ihrem ersten Erzählband „Sommerhaus, später“ aus dem Jahr 1998 übertreffen sich die Akteure in Passivität. Die Titelgeschichte ist dabei Programm. Den Einzug ins Sommerhaus, das für ein neues, komplett anderes Leben steht, verschiebt die Ich-Erzählerin so lange auf „später“, bis die Chance vertan ist. Ähnlich verhält sich der männliche Protagonist in „Sonja“, der sich die „Möglichkeit eines Lebens mit einer kleinen seltsamen Person (…), die ich wohl liebte“ durch die Lappen gehen lässt.

Man kann diesen Zauderern ihre Unentschlossenheit und Unschlüssigkeit nicht einmal verübeln. Denn jene Menschen, die in den 60ern, 70ern und 80ern zur Welt kamen, wuchsen in dem Bewusstsein auf, dass das Leben ein Füllhorn an Möglichkeiten bot. Dass man sich beizeiten für eine davon entscheiden muss – davon war nie die Rede gewesen. Deshalb treten Veränderungen, wenn überhaupt, nur unbeabsichtigt ein. 

In einem Interview mit der Zeitschrift Brigitte erwähnte Judith Hermann einmal, dass ihr Kind „nicht geplant“ gewesen sei. Ähnlich ergeht es ihren literarischen Antihelden. In der Titelgeschichte ihres zweiten Erzählbands „Nichts als Gespenster“ gesteht die Hauptfigur, „dass sie in den entscheidenden Momenten ihres Lebens immer so etwas wie bewusstlos gewesen ist.“ In Trance oder gar im Schlaf (wie im Roman „Aller Liebe Anfang“) rutschen die notorischen Phlegmatiker in ein neues Leben hinein und wundern sich dann, viel später, dass nichts mehr so ist, wie es einst war. Die Hauptdarstellerin aus „Aller Liebe Anfang“ blickt fassungslos zurück: „Weißt du noch, wie zuversichtlich wir vor zehn Jahren gewesen sind. Beinahe verwegen. Und dabei ging es um nichts.“

Vielleicht liegt genau darin das Dilemma unserer Generation: Wir haben erst spät, bisweilen zu spät begriffen, dass es doch um etwas geht. Doch weil wir nie gelernt haben, wirklich zu kämpfen, verharren wir auch jetzt, da Anpacken verlangt wäre, in Lethargie. Schwelgen in Erinnerungen und wundern uns über die Gegenwart. Eine eigenartig antriebsarme Generation, die Judith Hermann seit 18 Jahren schriftstellerisch begleitet. Und weil sie dies präziser, detaillierter und abgeklärter tut als irgendein anderer Autor, sind ihre Veröffentlichungen nicht nur Geschichtenbücher, sondern auch Geschichtsbücher. Kommende Historiker, die sich fragen werden, wie die Menschen um die Jahrtausendwende wohl getickt haben, finden in Judith Hermanns Erzählungen nüchterne und ernüchternde Antworten. Frank Jöricke
Lesung beim Eifel-Literatur-Festival in Bitburg
Rückblende: Herbst 1998. „Sommerhaus, später“ erscheint und wird von Kritikern, allen voran Marcel Reich-Ranicki, bejubelt. Der Erfolg kommt unerwartet. „Ich nahm an, dass niemand das Buch lesen würde außer mir und meinen Freunden“, erzählt Judith Hermann im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund.

Ein weiblicher Stuckrad-Barre, dem zur gleichen Zeit der Durchbruch gelang, wurde sie dennoch nicht. Ihr stand nicht der Sinn nach Exzessen und Egotrips. „Ich wollte auf dem Boden bleiben“, sagt Judith Hermann bei ihrer Lesung vor rund 300 Zuhörern im Haus Beda in Bitburg. Daher sind ihr Freundschaften bis heute wichtiger als Publicity und Ruhm – und zudem Voraussetzung für ihre Erzählungen. Sie nennt ihr Schreiben „autofiktiv“. Das heißt, es gibt einen autobiografischen Kern oder Anlass, um den herum sie die Geschichte schreibt. Ihre Freunde erkennen sich darin leicht wieder und dürfen im Zweifel ihr Veto einlegen: Im aktuellen Erzählungsband „Letipark“ fehlt eine Geschichte, weil die literarisch verarbeitete Freundin sie nicht veröffentlicht sehen wollte. Fair geht vor.

Diese Achtung und Zurückhaltung prägen auch Judith Hermanns Lesung in Bitburg. Also dürfen die Zuhörer schon zwischen den Erzählungen Fragen stellen. Dialog statt Monolog. Mit einem Mal wird der große Saal zur geselligen Runde, in der man unbefangen über Literatur redet.

Und damit auch über das eigene Leben. Eben noch hat Judith Hermann über die Hauptdarstellerin der Kurzgeschichte „Gehirn“ gesprochen, um dann persönlich zu werden: „Das ist etwas, was ich oft so empfinde im Leben: Dass meine Wünsche in Erfüllung gehen, aber anders als gedacht.“ Man hat es immer schon geahnt: Hinter den melancholischen Geschichten, steht ein melancholischer Mensch. „Ich schreibe am Lauf meiner Lebenszeit entlang – um dem Vergehen von Zeit etwas entgegenzusetzen. Im Zentrum steht Wehmut.“ jör

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