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Familiengeschichtliche Spurensuche beim Eifel-Literatur-Festival: Autorin Anne Weber liest in Bitburg aus „Ahnen“

(Bitburg) Das war einer der Abende, die einen aufatmen lassen. Im Rahmen des Eifel Literatur-Festivals war die Schriftstellerin Anne Weber zu Gast im Biburger Haus Beda. Mit ihrer Lesung aus ihrem 2015 erschienen Buch „Ahnen“ lieferte die Autorin ein eindrucksvolles Beispiel hochdifferenzierter Erinnerungsarbeit. Dossier zum Thema: Eifelliteraturfestival

25.05.2016
Eva-Maria Reuther
Ernst, nachdenklich und ein wenig spröde wirkt die dunkelhaarige Frau mit den inzwischen kurzen Locken, die seit ihrem 18. Lebensjahr in Paris lebt. Nach Bitburg ist Anne Weber gekommen, um aus ihrem neunten Buch „Ahnen“ zu lesen. Es ist die Auseinandersetzung mit ihrem Urgroßvater und der deutschen fernen Familie, in die sie 1964 als uneheliches Kind geboren wurde. „Zeitreisetagebuch“ nennt die Autorin das Journal ihrer Reise, die gleichermaßen eine Reise in die familiäre Vergangenheit ist wie zu sich selbst.

Dabei gilt es der zwiespältigen Persönlichkeit des Urgroßvaters Florens Christian Rang näherzukommen, der zu seiner Zeit ein bekannter Jurist, evangelischer Theologe und Schriftsteller war. Seine Moral habe verhindert, dass der Wahnsinn über ihn habe Macht gewinnen können, sagt sein Freund, der Philosoph Walter Benjamin, über den gedankenschweren Zweifler. Ihm gegenüber steht der Sohn, der Großvater, der dem Nazi-Wahn erliegt. Und dann ist da noch der Vater, der über die Vergangenheit schweigt und der außerehelichen Tochter vorwirft, sie wolle sich mit ihrem Buch in die Familie hineinschreiben.

Keine Abrechnung mit Familie

Auf den ersten Blick klingt das wie ein weiteres Werk in Sachen Vergangenheitsbewältigung. Und doch leistet Anne Weber mehr als übliche Erinnerungsarbeit. Ihr Tagebuch ist keine Abrechnung mit der Familie, die ihr den Zugang verweigert. Bereits der Titel fasst in seiner Doppeldeutigkeit das Fazit zusammen. Die Wahrheit und wer diese deutschen Vorfahren waren, lässt sich nur erahnen. Die Reise in die Vergangenheit bleibt lediglich Annäherung. Einmal mehr begab sich die Autorin in Bitburg mit einer wohltuend kritischen Distanz, nicht zuletzt der eigenen Wahrnehmung gegenüber, lesend auf die Reise. Wie treffend die Einordnung als Reisetagebuch gewählt ist, zeigt sich, als Weber den Weg ihrer Recherche, die Suche in Archiven, mit Orginalzitaten ihres Urgroßvaters und eigenen Erlebnissen und Reflexionen verbindet.

„Sanderling“ nennt sie den Urgroßvater nach dem Vogel, der am Meeressaum entlangläuft. Leicht kommt einem da das so ähnlich klingende deutsche „Sonderling“ in den Sinn. Haben doch alle historischen Gestalten in ihrer Ferne etwas Sonderbares. Anne Webers Sprache ist feinsinnig, von einer schlichten Ehrlichkeit, die sich darum bemüht, Zusammenhänge zu erhellen. Eben das fesselt. Ein wenig Ratlosigkeit ist auch zu spüren, wie wohl bei jeder differenzierten Betrachtung, die sich bewusst ist, dass nichts so eindeutig ist, wie es scheint. Zutiefst menschenfreundlich stellt sich Anne Webers Prosa in Bitburg dar, nie jedoch pathetisch, rührselig oder gar selbstmitleidig. Vergangenheit macht die Autorin gegenwärtig, ohne aus den Augen zu verlieren, dass die ganze Wahrheit im Dunkel bleiben muss. Allein der veränderten Wortbedeutung wegen. „Alle Begrifflichkeit verändert sich ständig“, weiß Weber. Genauso wie sie auf voreilige Schuldzuweisungen verzichtet, empfindet die nachgeborene Enkelin auch keine persönliche Mitschuld an der Katastrophe der Naziherrschaft und der Verstrickung des Großvaters darin.

Kein Schuldgefühl

„Schuld kann man nur für etwas empfinden, das man selbst getan hat“, sagt die Autorin. Aber die Last drücke sie, die gleichermaßen die eigene wie die nationale deutsche Geschichte auf ihre Schultern geladen hat. Da mag es ihr wie dem protestantisch strengen Urgroßvater gehen, den erst die Theologie und ihre „normalen Pfarrer“ bedrückte und dann der deutsche Nationalismus. Einmal mehr - und das machte den Abend bedeutsam- war in Bitburg im vollen Festsaal des Hauses Beda zu erleben, wie man sich der gegenwärtigen wie vergangenen Wahrheit nähern kann, ganz ohne Geschrei und Erregungslyrik, und statt dessen einzig auf sprachliche Einfachheit, redlichen Erkenntniswillen und menschliches Einfühlungsvermögen setzt. Nachdenklich, aber aufatmend ging man nach Hause.

Die nächsten Lesungen beim Eifel-Literatur-Festival (mit A gekennzeichnete Termine sind ausverkauft): Manfred Lütz, Donnerstag, 2. Juni, 20 Uhr, Aula der ehemaligen Hauptschule Prüm; Ulla Hahn, „Spiel der Zeit“, Freitag, 3. Juni, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg (A); Kirsten Boie, Freitag, 3. Juni, 10.30 Uhr, Aula St. Matthias-Gymnasium Gerolstein (A); Friedrich Christian Delius, Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg; Max Moor, „Als Max noch Dietr war“, Freitag, 8. Juli, 20 Uhr, Cusanus-Gymnasium, Wittlich. red Karten gibt es im TV-Service-Center Trier, unter 0651/7199-996 sowie im Internet auf www.volksfreund.de/tickets