ausallerwelt/kultur
11.10.2017
Martin Möller

Im Bann der Kopfgeburten

(Trier) Ein Fall für sich: Das unvollendete Werk "Hoffmanns Erzählungen" ab Samstag im Theater Trier.

Trier Das zerrissene und zerknüllte Papier liegt in Massen auf der Bühne. Und immer wieder schiebt die Techniker-Mannschaft im Trierer Theater Rollcontainer nach. Ganz offensichtlich leidet jemand an einer fatalen Mischung aus Schreibwut und Schreibhemmung.
Dass sich da in einer theatralischen Zuspitzung die Titelfigur aus Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" austobt, lässt sich sogar in der Probensituation und beim noch kahlen Bühnenbild leicht ausmachen.
Unter den Opern der Welt ist Offenbachs letztes, unvollendetes Werk ein Fall für sich. Auch wenn Ernest Guiraud, der Retter der "Carmen", die orchesterbegleiteten Rezitative der Akte II bis IV nachkomponierte - eine definitive Version, gar eine Fassung letzter Hand, gibt es nicht. In seinem "Opernführer für Fortgeschrittene" findet Ulrich Schreiber dafür deutliche Worte. "Ohne den Sachverhalt überzupointieren, lässt sich die Lage so bilanzieren: dass nach Carmen international populärste Werk des französischen Opernrepertoires existiert gar nicht; was vom Publikum gefeiert wird, ist ein Phantom - eine quasi hoffmaneske Spukgestalt". Was dazu führte, dass ungefähr jeder Regisseur seiner teils konventionellen, teils eigenwilligen Kreativität freien Lauf ließ. Die Stars der Branche machten mit in diesem Spiel - große Namen wie Ernst Legal, Max Reinhardt, Walter Felsenstein, Patrice Chéreau, Giancarlo Del Monaco, Johannes Schaaf oder Jean-Pierre Ponnelle.
Schließlich gelang es dem Musikologen Fritz Oeser, aufgrund neu entdeckter Quellen eine Neufassung zu erarbeiten, die 1976 in Wien uraufgeführt wurde und danach zahlreichen Produktionen als Basis diente. Triers Generalmusikdirektor (GMD) Victor Puhl und Regisseur Thilo Reinhardt indes stützen sich auf eine Version von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck, die Oesers Fassung modifiziert. Und weil das "Original" ohnehin ein Phantom geblieben ist, zielt Thilo Reinhardt vor allem auf einen schlüssigen und nachvollziehbaren Handlungsablauf.
In der Trierer Produktion spielt sich die zentrale Handlung der Oper nur in der Fantasie der Titelfigur ab. "Kopfgeburten" seien die Szenen mit Olympia, Giulietta und Antonia - "aus Papier geboren", sagt Reinhardt und greift sogar zur gefährlichen, weil missverständlichen Formel von der "Papier-Ästhetik". Dabei sucht der Regisseur auch bei den Hauptfiguren nach aktuellen Aspekten. Die Olympia beispielsweise, bei Offenbach eine schauerromantische Kunstfigur, wird zur attraktiven, aber seelenlosen Modefigur.
Gleichwohl: der "Hoffmann" sei für die Regie eine "große Herausforderung", sagt Thilo Reinhardt. Und schiebt noch Komplimente nach an die Theater-Equipe: "Tolle Stimmen" gebe es hier, "technisch gute Möglichkeiten" und "eine gute Mannschaft". Jedenfalls stemmt das Trierer Theater die Oper fast vollständig mit eigenen Kräften. Nur der Brite Hugo Mallet in der Titelrolle und Germán Enrique Alcántara (Hermann/Schlémil) wurden eingekauft. Frauke Burg singt die Olympia, Bernadette Flaitz die Giulietta, Eva Maria Amann die Antonia. Weitere Akteure: Fritz Spengler, Làszló Lukács, Bonko Karadjov, Pawel Czekala und Svetislav Stojanovic. Ausstattung und Kostüme stammen von Paul Zoller und Katharina Gault. Gesungen werden die "Contes d`Hoffmann" in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln.
Jacques Offenbach: Les Contes d’Hoffmann. Fassung von Michael Kaye und Christophe Keck. Musikalische Leitung GMD Victor Puhl, Inszenierung Thilo Reinhardt, Ausstattung Paul Zoller, Kostüme Katharina Gault. Mit Frauke Burg, Eva Maria Amann, Bernadette Flaitz, Fritz Spengler, Hugo Mallet, László Lukács, Bonko Karadjov, u.a. Opernchor und Extrachor des Trierer Theaters, Philharmonisches Orchester der Stadt Trier.