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Kein Leben zwischen den Reben

Die Mittelmosel spielt im neuen Roman "Was kostet die Welt" eine Hauptrolle. Herausgekommen ist kein Hohelied auf die Mosel, kein weinseliges Postkarten-Idyll - aber eine präzise, lustige und teils beklemmende Studie über einen Berliner Antihelden, der zwischen Riesling-Reben kein Leben findet.

14.10.2010
Von unserem Redakteur Andreas Feichtner
Enkirch/Trier. Mit dem "Saufbähnchen" nach Reil. Dann weiter ins nächste Dorf, ins fiktive Renderich: Warum der Berliner Taugenichts Meise ausgerechnet an der Mittelmosel strandet, um nach einer Weltreise den letzten Rest vom Erbe zu verschleudern, das weiß er selbst nicht recht. Nur: Das Geld muss weg. Keinen Besitz horten. Bloß nicht werden wie der Vater. Für wen auch? Was nutzt das? Dass hinter der pittoresken Fachwerk-Fassade seine persönliche Hölle lauert, eine Existenz in Flammen, das erschließt sich Meise später mit voller Wucht. Hier leben? Nein danke!
 
Meise, das ist der Spitzname von Tobias Meissner, Antiheld in "Was kostet die Welt". Auch sein Erschaffer wird im Leben hunderttausend Mal gefragt worden sein, warum er sich Nagel nennt. Das war so, als er noch als Sänger, Texter und Gitarrist der erfolgreichen deutschsprachigen Rockband Muff Potter durchs Land zog. Und als Schriftsteller ist es nicht anders. Nagel muss reichen. Thorsten Nagelschmidt, geboren in Rheine: Das ist die formale Version fürs Standesamt. Nagels zweiter Roman spielt zum größten Teil an der Mosel.
 
Zwischen Reil und Bernkastel-Kues, Traben-Trarbach und Wittlich. Zwischen Weinfesten, Sprücheklopfern, teilweise netten, aber vor allem anspruchslosen Menschen. Für Meise der Horror: Ein Dasein ohne Vielfalt und Auswahl. Dafür mit Lebensmodellen und antiquierten Treueschwüren, die er nicht verstehen kann und will.
 
Nagel (34) will das Buch nicht als Abrechnung mit der Mosel verstanden wissen: "Im Prinzip ist es nur ein großer Zufall, dass es die Mosel erwischt hat. Es hätte auch jeder andere dünnbesiedelte Landstrich in Deutschland sein können", sagt er. "Ich selbst komme ja auch aus der westdeutschen Provinz, ich weiß also, worüber ich da schreibe. In Westfalen erfüllen die Schützenfeste einen ähnlichen Zweck wie die Weinfeste an der Mosel. Abgesehen davon darf man nicht vergessen, dass mein Ich-Erzähler Meise nicht nur etwas selbstherrlich und schnell mit seinen Urteilen ist, sondern im Verlauf des Buches paranoid wird. Deswegen ist im Sinne des Dramas das meiste subjektiv und überspitzt dargestellt." Nagel hat lange an der Mosel recherchiert, in verschiedenen Orten; er war auf Weinfesten und bei den Beobachtungen aus der Region half ihm der befreundete Jungwinzer Daniel Immich aus Enkirch. Nagel: "Mir hat es an der Mosel immer sehr gut gefallen, auch wenn ich selbst eher ein Stadtmensch bin."
 
Im Keller des Weinguts Immich-Anker habe er die Idee gehabt, die Handlung an die Mosel zu verlegen. Auch die Lesetour begann Nagel im ausverkauften Keller in Enkirch. Bei alternativer Weinfest-Atmosphäre.
 
Das komplette Interview steht im Netz unter volksfreund.de/extra. Nagel liest am 24. Oktober im Café Lübke (Trier). Karten für die Lesung gibt es in den TV-Service-Centern Trier, Wittlich und Bitburg, unter 0651/7199-996 sowie  www.volksfreund.de/tickets
 

 
Buchkritik
 
Was kostet die Welt: Nagel lässt seinen Ich-Erzähler Meise in Rückblicken durch die Welt reisen - nach Marokko, Mexiko, Israel oder in die USA. Aber so fremd wie an der Mittelmosel fühlt sich der Berliner nirgends. Ob in der "todgeweihten Altstadt" von Bernkastel-Kues oder dem jämmerlichen Weinfest im fiktiven Ort Sörz: "Meise" ist zynisch, später paranoid. Er hält die Provinz nicht aus, und auch nicht die Menschen, die dort ihre Mitte gefunden haben wollen. Das ist atmosphärisch und beklemmend, befeuert von Abscheu, Alkohol, Arroganz. Ein Roman über Identitätssuche, Vergangenheitsbewältigung und Kultur-Clash. Ein Buch, das so bitter und süß ist wie das Leben - nur schade, dass es irgendwann vorbei ist. (Andreas Feichtner) Heyne, 320 Seiten, Hardcover, 16,99 Euro.

Extra: Interview mit Schriftsteller Nagel: „Mir hat es an der Mosel immer sehr gefallen“

volksfreund.de: Sie haben die Lese-Tour zu „Was kostet die Welt“ im passenden Rahmen begonnen - in einem Weinkeller in Enkirch. Wie waren die Reaktionen an der Mosel auf das Buch, das ja zu großen Teilen an der Mittelmosel spielt?
Nagel: Die Reaktionen waren gut und, äh, interessant! Im Eintrittspreis enthalten war eine Flasche "Was kostet die Welt"-Wein für jeden, dementsprechend hatte der Abend zunehmend mehr von einem Weinfest als von einer Lesung. Aber genau so war das ja auch geplant. Auf jeden Fall ein sehr spezieller Tourauftakt!
 
Apropos Enkirch: Das erinnert stark an den fiktiven Ort Renderich. Zu Recht? Wie lange haben Sie an der Mosel für das Buch recherchiert - und wowaren Sie überall?
Nagel: Ich habe an verschiedenen Orten an der Mittelmosel recherchiert; war immer mal wieder ein paar Tage dort, habe mir einige Dörfer und verschiedene Weinfeste angeguckt, um eben dieses fiktive Dorf erfinden und möglichst authentisch darstellen zu können. Vieles lief dann auch per Mail, bei dem ganzen Weinwissen etwa war ich auf die Hilfe eines befreundeten Jungwinzers (Anm. der Red.: Daniel Immich aus Enkirch) angewiesen.
 
Die allermeisten Moselaner kommen aus Sichtweise des Antihelden „Meise“ nicht  besonders gut weg im Buch: im besten Fall sind sie nett, davon abgesehen aber eher Fleisch gewordene 80er, anspruchslos, konservativ, manche zudem ausländerfeindlich. Ist das die typisch deutsche Provinz-Hölle? Oder haben 2000 Jahre Mosel-Wein die Gegend besonders ruiniert?
Nagel: Im Prinzip ist es nur ein großer Zufall, dass es die Mosel erwischt hat. Es hätte auch jeder andere dünnbesiedelte Landstrich in Deutschland sein können. Ich selbst komme ja auch aus der westdeutschen Provinz, ich weiß also, worüber ich da schreibe. In Westfalen erfüllen die Schützenfeste einen ähnlichen Zweck wie die Weinfeste an der Mosel, um nur mal bei dem offensichtlichsten Beispiel zu bleiben. Abgesehen davon darf man nicht vergessen, dass mein Ich-Erzähler Meise nicht nur etwas selbstherrlich und schnell mit seinen Urteilen ist, sondern im Verlauf des Buches zunehmend paranoid wird. Deswegen ist im Sinne des Dramas das meiste subjektiv und überspitzt dargestellt. Mir selbst hat es an der Mosel immer sehr gut gefallen, auch wenn ich selbst eher ein Stadtmensch bin.
 
Wann kam Ihnen der Gedanke, die Haupthandlung an die Mittelmosel zu verlegen? Und warum gerade dorthin?
Nagel: Ich hatte die Idee für ein neues Buch schon vor Jahren, auch ein paar der Themen, die dort behandelt werden: das Reisen, die kaputte Familie, die Sprachlosigkeit; wusste aber nie, was der Aufhänger sein könnte, und vor allem wo es spielen sollte. Vor ein paar Jahren wurde ich nach einem Konzert von Muff Potter in Karlsruhe von einem Jungwinzer angesprochen: „Hey, du trinkst immer Weißwein auf der Bühne, wenn du mal wissen willst, wie der gemacht wird, komm doch mal zu uns aufs Weingut." Das habe ich knapp ein Jahr später gemacht, stand in diesem Weinkeller und dachte: das ist es, das reizt mich, hier soll meine Geschichte spielen.
 
Würden Sie Freunden ein Wochenende an der Mosel empfehlen?  Schließlich verbringt Meise - bei aller vermeintlichen Langeweile - ja doch ein paar denkwürdige Tage zwischen Weinfest, Prostituierter und Kröver Nacktarsch...
Nagel: Auf jeden Fall, vor allem im Sommer oder Frühherbst!
 
Es ist ein klassischer Clash der Kulturen: Berliner vs. Provinzler. Freiwilliger Verzicht auf Lebensentwurf vs. Erste Liebe/Hochzeit/
Familienbetrieb/Tod. Wortkarger Zyniker vs. "netter" Schwätzer. Sie nennen das Buch ein "existenzialistisches Drama im Weißwein-Milieu". Pardon für die Frage, aber - was ist für Sie der Sinn der Existenz, des Lebens?
Nagel: Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Mein eigenes Leben ist ein ständiges Austarieren zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen und Widersprüchen; die ewige Suche nach dem schmalen Grat zwischen hohen Höhen und tiefen Tiefen. Ich habe das besser im Griff als mein (Anti-) Held Meise, kann aber grundsätzlich schon mit ihm mitfühlen.
 
Hat sich für Sie durch das Schreiben des Romans die Sichtweise auf die unterschiedlichen Lebensmodelle verändert?
Nagel: Das kann ich so nicht beurteilen, dazu ist es alles noch zu frisch. Aber das Schreiben und Recherchieren hat mir mal wieder bestätigt, dass es das eine richtige Leben nicht gibt. Menschen sind zum Glück unterschiedlich, haben unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse, da gibt es kein richtig und falsch. Also: gegen Normierung und Gleichmacherei, für leben und leben lassen. Das fällt mir auch in den aktuellen Diskussionen über die angebliche "deutsche Leitkultur" immer wieder auf. Dieses verkrampfte Bemühen einer deutschen oder christlichen oder sonstwie definierten Identität und das Ausgrenzen von allem, was nicht dazu passt ist – das ist so verlogen und widerlich. Dieser reaktionäre Backlash macht mir tatsächlich große Sorgen.
 
 
Nagel liest am 24. Oktober im Cafe Lübke in Trier.
Interview: Andreas Feichtner