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Kinder sind klüger, als Erwachsene oft denken

Jugendbuchautorin Kirsten Boie traut jungen Lesern etwas zu - im Juni kommt sie zum Eifel-Literatur-Festival

(Gerolstein) Drei Schullesungen beim diesjährigen Eifel-Literatur-Festival räumen der Kinder- und Jugendliteratur besonderen Stellenwert ein. Gast der ersten im St. Matthias-Gymnasium Gerolstein ist Kirsten Boie, die von der FAZ als "deutsche Erbin von Astrid Lindgren" tituliert wurde. Als eine der renommiertesten Autorinnen der Gattung hat sie ein preisgekröntes Werk aus über 100 Büchern geschaffen, in dem sie beweist, dass man jungen Lesern durchaus etwas zutrauen kann.

18.02.2016
Anke Emmerling
Gerolstein. "Von Ihnen wird man noch reden, wenn ich längst keine Bücher mehr schreibe", hat James Krüss (1926-1997) zu Kirsten Boie gesagt, als sie 1985 mit "Paule ist ein Glücksgriff" ihr literarisches Debüt vorlegte. Genauso ist es gekommen: Wenn Boie am 19. März ihren 66. Geburtstag feiert, liegen drei überaus erfolgreiche und mit hohen Auszeichnungen - von Literaturpreisen bis zum Bundesverdienstkreuz - gewürdigte Schaffens-Jahrzehnte hinter ihr.

Eifel-Literatur-Festival 2016


Rund hundert Bücher sind bislang ihrer Fantasie und Feder entsprungen, darunter die Geschichten über "Ritter Trenk", den Seejungmann "Nix", das Meerschweinchen King-Kong oder die "Möwenweg"-Kinder, die längst zu Klassikern der Jugendliteratur zählen. Ironie des Schicksals, dass Kirsten Boie weniger durch Berufung als durch widrige Umstände zur Schriftstellerei kam. Denn zunächst arbeitete die promovierte Literaturwissenschaftlerin als Lehrerin, erst an einem Gymnasium und später an einer Ganztagsgesamtschule in ihrer Heimatstadt Hamburg.
Als sie sich jedoch mit ihrem Mann entschloss, ein Kind zu adoptieren, verlangte das Jugendamt von ihr, die Berufstätigkeit aufzugeben. Der behördlichen Verdammung an den heimischen Herd schlug Kirsten Boie mit der Wiederbelebung einer brachliegenden Leidenschaft aus Kindertagen ein Schnippchen: Sie begann wieder, Geschichten zu schreiben.
Gleich die erste um Paule, ein farbiges Adoptivkind, wurde ein beispielloser Erfolg. Das Buch kam unter anderem auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises und auf die Ehrenliste des Österreichischen Staatspreises für Kinder- und Jugendliteratur. "Paule ist ein Glücksfall" ist inspiriert von Bo-ies Adoptivkind, aber doch fiktiv. In einem Interview hat die Autorin einmal erklärt: "Ich schreibe nie ganz genau über mein eigenes Leben oder das meiner Kinder, weil ich denke, das Privatleben ist ja was ganz, ganz Wichtiges und was ganz, ganz Kostbares, und das möchte ich auch gerne privat behalten. Aber ich erzähle oft Geschichten, die etwas damit zu tun haben, was mir passiert ist ...".
Auf bestimmte Themen oder ein inhaltliches Genre hat sich Kirsten Boie nie festgelegt, wohl aber auf den Anspruch, dass Literatur für Kinder und Jugendliche auch wirklich Literatur sein sollte. Und deshalb traut sie ihren jungen Lesern durchaus auch anspruchsvollere Stoffe zu. "Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen", beispielsweise, dreht sich um Aids-Waisen in Afrika, "Mit Kindern redet ja keiner" um ein neunjähriges Mädchen, dessen Mutter an Depressionen leidet.
Dazu hat Kirsten Boie gesagt: "Ich denke, man kann mit Kindern über alles, alles reden. Es ist viel schlimmer, wenn man die Dinge vor ihnen geheim hält. Die Kinder sind ja nicht so dumm, dass sie nicht merken, da ist etwas nicht in Ordnung, aber niemand sagt ihnen, was los ist, und das ist das Schreckliche. Wenn die Kinder mit hnen reden, dann sind sie viel klüger als Erwachsene denken."
Oft schreibt die Autorin aus der Perspektive ihrer kindlichen Hauptfigur. Wichtig ist ihr nach eigenem Bekunden, immer die angemessene und beste Form für ihr Thema zu finden und dafür zu sorgen, dass ihre jungen Leser so viel Spaß haben, dass sie bei der Sache bleiben.
Auch über ihre schriftstellerische Tätigkeit hinaus engagiert sich Kirsten Boie stark dafür, das Interesse am Lesen bei Kindern und den ernsthaften Umgang mit Kinderliteratur zu fördern: "Wer später Leser wird, das entscheidet sich in der Kindheit, und insofern macht es schon Sinn, Eltern und Lehrern mehr Kinderbücher vorzustellen und auch Kriterien an die Hand zu geben, was man Kindern anbieten sollte oder nicht anbieten sollte ...".
Am Freitag, 3. Juni liest Kirsten Boie im St.-Matthias-Gymnasium in Gerolstein für Schüler verschiedener Schulen, die sich teils im Unterricht mit ihren Büchern befasst haben. Sie stellt sich auch ihren und den Fragen von Lehrern und interessierten Erwachsenen. Die Veranstaltung ist allerdings bereits ausverkauft.
Extra
20 Autoren lesen beim Eifel-Literatur-Festival 2016, die ersten 14 Veranstaltungen gibt es von April bis Juli. Der TV stellt die Autoren und ihre Werke vor (in unserer Gesamtübersicht ist der Name des jeweiligen Autors blau gefettet). A bedeutet ausverkauft. Nele Neuhaus, Freitag, 15. April, 20 Uhr, Stadthalle Bitburg (A) Pater Anselm Grün, "Was der Seele gut tut", Donnerstag, 21. April, 20 Uhr, Aula der ehemaligen Hauptschule in Prüm (A) Dora Heldt, Freitag, 29. April, 20 Uhr, Forum, Daun Felicitas Hoppe, Dienstag, 3. Mai, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg Horst Evers, "Alles außer irdisch", Mittwoch, 11. Mai, 20 Uhr, Aula, Hauptschule Prüm Jan Weiler, "Im Reich der Pubertiere", Freitag, 13. Mai, 20 Uhr, Stadthalle Bitburg Leslie Malton, "Brief an meine Schwester", Freitag, 20. Mai, 20 Uhr, Aula, Hauptschule Prüm Giulia Enders, "Darm mit Charme", Samstag, 21. Mai, 20 Uhr, Stadthalle Bitburg Anne Weber, Dienstag, 24. Mai, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg Manfred Lütz, Donnerstag, 2. Juni, 20 Uhr, Aula der ehemaligen Hauptschule Prüm Ulla Hahn, "Spiel der Zeit", Freitag, 3. Juni, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg (A) Kirsten Boie, Freitag, 3. Juni, 10.30 Uhr, Aula St. Matthias-Gymnasium Gerolstein (A) Friedrich Christian Delius, Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg Max Moor, "Als Max noch Dieter war", Freitag, 8. Juli, 20 Uhr, Cusanus-Gymnasium, Wittlich Literaturherbst: Bereits ausverkauft sind die Veranstaltungen mit Sebastian Fitzek (29. Oktober) und Anselm Grün (6. Oktober). Karten für alle Veranstaltungen gibt es im TV-Service-Center Trier, unter 0651/7199-996 sowie im Internet auf www.volksfreund.de/tickets