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Kunstgeschichte(N)

"Mit den kaputten Jeans gehst du auf keinen Fall mit zu Tante Erikas Geburtstag." Mamas Augen funkeln gefährlich, als sie auf die Risse in Moritz Hose zeigt.
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"Das ist aber meine Lieblingsjeans", mault Moritz. Mama bleibt hart: "Mit so was wäre früher niemand auf die Straße gegangen". Da irrt sich Mama allerdings. Schon vor 500 Jahren gab es jede Menge Leute, die mit zerrissenen Kleidern unterwegs waren. Zum Beispiel schnitten Landsknechte - das waren gemietete Soldaten - selbst die Ärmel ihrer Oberteile und die engen Hosenbeine über den Knien ein. So konnten sie sich besser bewegen. Zuerst war das nur eine Notlösung. Aber bald wurde eine richtige Mode daraus. Gerade Männer fanden die aufgeschnittenen Kleider todschick, weil sie darin größer und stärker aussahen. Außerdem vermittelten die aufgeschnittenen Kleider der Landsknechte, in denen ihre Träger durch die Welt zogen, den Eindruck eines freien Lebens. Dass die Risse und Schlitze Freiheit ausdrückten, fanden vor allem die Studenten toll. Sie machten sich selbst Risse in ihre Kleider, um zu zeigen, dass sie frei waren. "So leiht mir Stab und Ordenskleid der fahrenden Scholaren", heißt es in einem berühmten alten Studentenlied. "Scholaren" ist ein anderer Ausdruck für Studenten. Mit dem "Stab" ist der Wanderstock gemeint. Und das "Ordenskleid" sind die zerrissenen Mäntel und Hosen der "fahrenden" (umher- wandernden) Studenten. Wer heute mit seinen zerrissenen Jeans herumläuft, der fühlt sich wahrscheinlich ebenso frei wie die Träger der zerschlissenen Kleider vor vielen hundert Jahren. Auch damals haben übrigens die Leute reagiert wie Mama heute. Sie fanden die zerrissenen Kleider grauenhaft und versuchten sie zu verbieten. Aber ohne Erfolg, wie man sieht. Heute braucht sich übrigens niemand mehr selbst Risse und Schlitze in seine Kleider zu machen. Man kann sich gleich im Geschäft Jeans und Jacken mit Rissen kaufen. Eva-Maria Reuther

 


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