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Kunstskandal an der Mosel: Vaginen gehen wohl zu weit

Malerin Mana Binz muss Bilder auf Wunsch der Cusanus Trägergesellschaft Trier vor Ausstellungsbeginn entfernen

(Bernkastel-Kues) Wer hätte gedacht, dass Bilder nackter Frauen heute noch das Zeug zu einem Kunstskandal haben? An der Mosel ist das möglich: Mana Binz muss sieben Werke aus der Akademie Kues entfernen, wo am Sonntag ihre Ausstellung "Hidden Gardens" eröffnet.

17.09.2016
Katharina de Mos
Bernkastel-Kues. Römer und Griechen liebten ihre Statuen splitterfasernackt. Auch Michelangelos David steht in all seiner Pracht in Florenz - unverhüllt sind Po und Penis, und die Massen lieben ihn. Doch kaum erdreistet sich jemand, eine Vagina zu malen, ist das Geschrei groß. So ging es Édouard Manet, dessen nackte Olympia dem Zeitgeist allzu fleischfarben und forsch war (obwohl sie ihre Hand schützend über den Schritt hält). Weil Menschen das Bild mit Spazierstöcken und Schirmen bedrohten, musste es schließlich in Deckenhöhe aufgehängt werden. Das war 1863.

Gustave Courbet durchlebte Ähnliches. Sein Gemälde "Der Ursprung der Welt", eine recht realistische Darstellung des haarigen weiblichen Geschlechts löste Debatten aus über das, was Kunst darf und was nicht, es erntete Empörung, Verbote und Zensur. Das war 1886. In der Reihe dieser Künstler steht nun auch Mana Binz aus Lieser. Manche ihrer farbgewaltigen Bilder zeigen Frauen, Blumen und Vögel. An den Brüsten der Frauen hätte man vielleicht noch vorbeigesehen. Doch die Vaginen - das ging offenbar zu weit. Binz muss sieben ihrer Bilder aus der Ausstellung in der Akademie Kues in Bernkastel-Kues entfernen.

Das erfuhr sie gestern, am 16. September 2016. Die Cusanus Trägergesellschaft Trier, die Träger des Hauses für Freizeit, Bildung und Begegnung ist, forderte Binz auf, die Kunstwerke vor der Eröffnung am Sonntag herauszunehmen. "Das ist eine extrem engstirnige, ewig gestrige Sicht der Dinge", sagt Binz’ Ehemann und Rechtsanwalt Andreas Weitbrecht. Es handele sich um Kunst und nicht um Pornografie. Obwohl das juristisch "alles andere als zwingend" sei, sei seine Frau bereit, dem Hausrecht Vorrang vor der Freiheit der Kunst einzuräumen. Der Leiter der Akademie, der selbst kein Problem mit den Motiven hat, will keine Stellungnahme abgeben. David würde sich wohl nackt und verwundert Richtung Mosel wenden, wenn er wüsste, was hier los ist.
Ausstellung in Bernkastel-Kues: "Hidden gardens" von Mana Binz

"Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt", erkannte sehnsüchtig Friedrich Hölderlin. Auch Mana Binz gehört fraglos zu den schöpferischen Träumern, die dennoch mitten im Leben stehen.

Was sie erlebt und fantasievoll ersinnt, veräußert sie in meist farbmächtigen vieldeutigen Bildern. Die in Lieser an der Mosel lebende Künstlerin setzt sich in ihren Arbeiten intensiv mit der eigenen Befindlichkeit, ihren Sehnsüchten und Ängsten, ebenso wie mit dem Zeitgeschehen auseinander. Ob es nun die kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit und ihre Folgen sind, die Religionen und ihr problematisches Miteinander. Eine auf mehrere Standorte verteilte Ausstellung in Bernkastel-Kues zieht jetzt eine Zwischenbilanz ihres umfangreichen Schaffens.

Was Mana Binz empfindet und erkennt, verbildlicht sie vielfältig in Farbe und Form. Die weltläufige, interkulturell engagierte Künstlerin, die jahrelang in Brüssel lebte, ist eine hochaktive, äußerst kreative Frau. Immer wieder hat sich Mana Binz unterschiedliche Medien und Werkstoffe neu erarbeitet, wie etwa den Umgang mit dem sensiblen Glas, das lange Zeit einen Schwerpunkt ihrer Arbeit bildete. Das inzwischen vielgestaltige Werk ist ein wahres Crossover an Ausdrucksformen.

Neben ihren Tafelbildern versammeln sich darin Plastiken, Glasobjekte, Installationen und Malerei auf Stoff, Mana Binz’ textile Arbeiten, die sie als "mobile Fresken" bezeichnet, dürfen als Schlüsselwerk zu ihrem gesamten Schaffen angesehen werden. Und auch der Ausstellungstitel "Hidden Gardens" (Verborgene Gärten) nimmt Bezug auf die farbmächtigen erzählfreudigen Textilarbeiten mit ihren erotischen Szenen, die bisweilen fast märchenhaft orientalisch anmuten. In ihren abstrakten textilen Arbeiten, die häufig das Weltgeschehen reflektieren, erweist sich die Künstlerin zudem als kraftvolle Schöpferin ausdrucksstarker Kompositionen.

Überhaupt ist Mana Binz eine Koloristin, für die Farbe sichtbar gemachte Emotionalität bedeutet. Die kommt bisweilen verträumt und sinnend daher, so wie in den blauen textilen Serien, die in der Akademie Kues zu sehen sind. Einmal mehr kreist die Künstlerin darin um eines ihrer zentralen Themen, die eigene Weiblichkeit und das Verhältnis von Mann und Frau. Mit der Welt des Weins beschäftigt sich Mana Binz vorrangig in ihren Glasstelen, in denen sich Malerei und Licht eindrücklich verbinden. Die komplexen Arbeiten, die inzwischen eine riesige Serie bilden, sind in jahrelanger Arbeit entstanden. Passenderweise werden sie in der Hauptsache im Weinmuseum und der Vinothek gezeigt.

Weitere sind im Kreuzgang des St.- Nikolaus-Hospitals zu sehen.erBis 6. Dezember. Ausstellungsorte sind die Akademie Kues, das Cusanus-Hospital, das Weinmuseum/Vinothek Kues, das Cusanus-Geburtshaus und die Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues.

Die Vernissage ist am Sonntag, 18. September, 10.30 Uhr, im Cusanus-Geburtshaus, im Anschluss ein Rundgang mit der Künstlerin zu den Ausstellungsorten.