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Liebe auf den ersten Sound

(Trier) Gerade erst hat er den Klassik echo gewonnen, am Dienstag startete seine nahezu ausverkaufte Tour in Leipzig - die Rede ist vom Geigenvirtuosen David Garrett (30). Redaktionsmitglied Mandy Radics hat Garretts Kurzaufenthalt in Trier genutzt, um mit ihm über sein Leben, seine Geige und die Verbindung von Rock und Klassik zu sprechen.

27.10.2010
(MRA) David Garrett sitzt entspannt in seiner kleinen Garderobe hinter den Kulissen von "Verstehen Sie Spaß?" - mit seinem obligatorischen Mehrtagebart und den etwas zerzausten langen Haaren, die er sich immer wieder hinter die Ohren streicht. Er trägt ein legeres Hemd, Jeans, eine Lederjacke. Um den Hals und am Finger glitzert Totenkopfschmuck seines Lieblingsdesigners Thomas Sabo.
 
Sie sind der schnellste Geiger der Welt und der beste, wie einige behaupten. Wie sehen Sie das?
 
Garrett: Ich glaube, da gibt es keine Rangliste. Aber ich versuche, mich jeden Tag zu verbessern. Es geht nicht darum, sich mit anderen zu vergleichen, sondern das Beste aus sich rauszuholen.
 

 
Wären Sie auch so erfolgreich, wenn Sie nicht so gut aussehen würden?
 
Garrett: Ich glaube, klassische Musik achtet nicht auf das Aussehen. Kein Dirigent lädt dich ein, weil du gut aussiehst. Aber hier und da wäre es sicher schwieriger. Leidenschaft ist aber wichtiger als Aussehen.
 

 
Was ist Ihr Erfolgsrezept?
 
Garrett: Spaß haben und niemals etwas verkaufen, was man selber nicht kaufen würde.
 

 
Klassik und Rock: Wie passt das zusammen?
 
Garrett: Das passt doch gut zusammen, ich sehe da einige Parallelen. Beides sind anspruchsvolle Genres. Man muss ein guter Instrumentalist sein und braucht wie in der Klassik ein solides Rhythmusgefühl.
 

 
Was wollen Sie mit dieser Art von Musik erreichen?
 
Garrett: Musik mache ich in erster Linie aus Spaß daran. Ich habe natürlich schon im Hinterkopf, jüngeres Publikum für Klassik zu begeistern. Aber Klassik mit Rock zu vermischen, das ist mein Weg, und für mich funktioniert er.
 

 
Führen Sie mit Ihrer Musik Menschen an die Klassik heran?
 
Garrett: Na klar, das sehe ich doch in meinen Konzerten. Und meine letzte klassische CD hat sich auch 200 000 Mal verkauft.
 

 
Auf Ihrem neuen Album haben Sie sich an "Smells like Teen Spirit" gewagt: Was bedeutet Ihnen der Song?
 
Garrett: Man muss sich Zeit nehmen für Songs, die eine ganze Generation geprägt haben. Ich habe lange daran herumexperimentiert. Privat ist es eines meiner Lieblingsstücke.
 

 

 
Was sagen Sie den Kritikern Ihrer Musik?
 
Garrett: Wenn mir musikalisch bedeutende Leute wie Itzhak Perlman abraten würden, dann würde ich wohl darauf hören. Aber eben diese Leute, die ich respektiere, sind begeistert von meinen Konzerten.
 

 
Das hört sich nach einem Rebellen an…
 
Garrett: Nein. Aber ich höre nicht auf andere. (lacht) Man muss auch irgendwann ein Rückgrat entwickeln und sein Ding durchziehen.
 

 
Beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Ihrer Geige!
 
Garrett: Ich habe nicht nur ein Instrument, sondern mehrere. Aber ich habe ein ganz besonderes Instrument - eine Stradivari.
 
Da pass ich schon auf, dass kein Kratzer drankommt. Aber meine Geige schläft nicht mit mir im Bett, wie manche behaupten.
 

 
Sie haben Ihre erste Geige mit vier bekommen. Eine Entscheidung Ihrer Eltern?
 
Garrett: Nee, da hab ich Glück gehabt. Mein Bruder sollte Geige spielen. Ich hab das gesehen und wollte unbedingt auch eine.
 
Welches andere Instrument hätten Sie lieber gespielt?
 
Garrett: Es gab kein anderes Instrument. Das war sozusagen Liebe auf den ersten Sound.
 

 
Wie war Ihr Leben als Wunderkind?
 
Garrett: Ich wurde von vielen Leuten getriezt und nicht als Person ernst genommen, sondern nur als Maschine.
 

 
Und jetzt?
 
Garrett: Selbst bestimmt. Ich bin zufrieden (strahlt).
 

 
Was für Musik hören Sie privat?
 
Garrett: Ich höre alles querbeet. Von Michael Bublé bis Miles Davis.
 

 
Welche CD ist gerade im Player Ihres Autos?
 
Garrett: Momentan höre ich gar nichts oder bereite mich auf meine Tour vor. Dann höre ich acht Stunden am Tag meine Musik.
 

 
Kann man seine eigene Musik dann noch hören?
 
Garrett: Ich höre sie nicht wirklich als Musik, sondern arbeite an der Technik und Konzentration, ein zweistündiges Konzert durchspielen zu können.
 

 
Kennen Sie Trier ?
 
Garrett: Noch gar nicht. Aber ich habe heute noch etwas Zeit, falls das Interview nicht mehr lange dauert … (grinst)
 

 
Tatsächlich hat Garrett die Zeit in Trier genutzt, um sich im Trierer Kino Cinemaxx den Film "Wallstreet 2" anzusehen.

Extra

David Garrett wurde am 4. September 1981 in Aachen geboren. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein Vater ein deutscher Antiquitätenhändler. Daher auch sein amerikanischer Name, den er auf Anraten seiner Eltern schon früh übernommen hat. Garrett ist der Mädchenname seiner Mutter. Eigentlich heißt der Künstler Bongartz. Seine erste Geige hat Garrett mit vier Jahren bekommen. Der junge Geige besuchte die renommierte Julliard-School in New York, wo er mit Itzhak Perlmann zusammenarbeitete. 2010 erhielt er den Klassikecho. Seine aktuelle Tour ist nahezu ausverkauft.