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Lieder wider besseres Wissen

Chansonsänger und Kabarettist Sebastian Krämer begeistert mit neuem Programm in der Trierer Tuchfabrik

(Trier) Harmonische Akkorde und treffende, tiefgründige Wortspitzen machen einen Abend mit Sebastian Krämer aus. Der Künstler, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bühnenjubiläum feiert, hatte keine Probleme, das Publikum in weniger als einer halben Stunde zum Mitsingen zu bringen und sie an seine Lippen zu fesseln.

05.10.2015
Christina Bents
Trier. "Tschuldigung, ich muss zum Flötenunterricht", so singt Sebastian Krämer gleich zu Anfang des Konzertabends im kleinen Saal der Tuchfabrik, und das so eingängig mit einem verschmitzt unschuldigen Lächeln, dass die etwa 80 Zuhörer gleich mitsingen. Dann klärt der Liedermacher das Publikum über die Tricks des Showbusiness auf. Darüber, dass die Worte, die man benutzt, eine gewisse Rhythmik haben: "Es muss grooven, das Wort ,Borsch’ wäre beispielsweise völlig ungeeignet für einen Liedtext", sagt Krämer.
Zu seinem aktuellen Programm "Lieder besseren Wissens" meint er, dass immer wieder Lieder gedichtet werden über Themen, bei denen man es eigentlich inhaltlich besser wissen müsste. Als Beispiel dafür spricht er von musikalischen Stücken über die Romantik, die eigentlich Quatsch seien, denn: "Wenn man die Romantik überlebt, dann war es keine."
Begleitet von Klaviermusik berichtet der Kabarettist über Schauer-Romantik. Davon, wie er versucht hat, Kontakt zum Totenreich aufzunehmen, indem er eine Leerkassette in der Stille aufnahm und anschließend auf dem Band die Stimme der Toten hören wollte. Doch außer dem eigenen Seufzen war nichts zu vernehmen. Seine Schlussfolgerung: Der Tote wollte wohl in Ruhe gelassen werden.
Boshafter geht es zu beim Lied "Mein Bruder, mein Bruder, mein Bruder", bei dem Krämer die negativen Eigenschaften von Geschwistern zelebriert. Ihr Fett weg kriegen auch die "Herzenbrecherinnen aus Kalletal" (dem Ort im Kreis Lippe, an dem Krämer aufgewachsen ist), die Prinzessinnen später Väter, die von ihm kein Liebeslied bekommen, sondern abgehackte Mollakkorde.
Insgesamt ein Programm aus feinsinnigen, manchmal boshaften Liedern, gekleidet in nette, freundliche Klavierakkorde. Sprachlich sehr differenziert und treffend drückte Krämer sich aus, das Publikum forderte Zugaben - und bekam sie auch. Dabei gaben sich die echten Fans zu erkennen, denn sie forderten Stücke aus früheren Programmen, beispielsweise den "Deutschlehrer", "Busfahrer" oder "Liebe ist gemein".
So eilig schien es dann doch nicht zu sein mit dem Flötenunterricht, denn Sebastian Krämer blieb noch einige Zeit zum Signieren von CDs, und seine Fans konnten ein paar Worte mit ihm wechseln.
Extra
Der Liedermacher Sebastian Krämer ist 1975 im lippischen Kalletal geboren und lebt heute in Berlin. Als Jugendlicher stand er schon auf der Bühne. Seine künstlerisch ersten Schritte machte er in der Poetry-Slam-Szene. Heute gilt er als Sprachartist, der sich selbst vor allem als Chansonnier sieht. Sein erstes Album kam 1997 mit dem Titel "Wird nicht mehr passieren" auf den Markt. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem deutschen Kleinkunstpreis 2009 und dem Sonderpreis des Deutschen Kabarett-Preises 2012. chb