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Marmorköpfe und virtuelle Villen

(Trier) Wer selbst Altertumsforscher werden möchte, kann an der Uni Trier die Antike studieren. Ganz so brotlos wie behauptet, ist diese Kunst auch gar nicht.

04.11.2017
Katharina de Mos
Trier Klassische Archäologie. Da denkt man an Marmorköpfe, Knochen, Scherben oder staubige Bücher. Und eher nicht an Smartphone-Apps, die einem in begehbaren 3-D-Modellen zeigen, wie der Ort, an dem man steht, einst aussah.

Doch an der Uni Trier gehört all das dazu. "Wir bilden breit aus", sagt Dr. Torsten Mattern. Etwa 80 junge Menschen haben sich dazu entschieden, Altertumsforscher zu werden. Sie studieren klassische Archäologie - eine Spezialrichtung der Archäologie, die sich mit den alten Kulturen des Mittelmeerraumes befasst - allen voran natürlich mit Römern und Griechen. So betreut das Fach mehrere Grabungen in Griechenland und Spanien.

"Unser anderes Standbein ist die Archäologie in der Region", sagt Mattern. Und dieses Standbein will die Universität ausbauen, bis im Idealfall ein "Zentrum für Römerforschung" entstanden ist. Gibt es rings um die ehemalige römische Hauptstadt doch noch zahllose archäologische Schätze zu heben.

Zu diesem Zweck will Uni-Präsident Michael Jäckel eine Professur für provinzialrömische Archäologie schaffen. Ein Fachbereich, der sich mit dem kulturellen Erbe der römischen Provinzen beschäftigt, in denen der Einfluss anderer, früherer Kulturen viel stärker war als im Mittelmeerraum. So mischten sich im Raum Trier Römer und Kelten. "Das ist wie ein Schmelztiegel", sagt Mattern.

Mit welchem Geld diese Professur finanziert werden soll, ist allerdings offen. Die Hoffnung, dies über ein Nachwuchsförderprogramm zu regeln, hat sich zerschlagen. Jäckel betont jedoch, intensiv an einer Lösung zu arbeiten.
Doch auch so gibt es in der Region genug zu erforschen. "Trier hatte eine Sonderstellung als römische Hauptstadt und war alles andere als Provinz", sagt Mattern. Laufende Dissertationen beschäftigen sich mit dem römischen Palast in Trier-Pfalzel, der Trierer Wasserversorgung oder der Wohnbebauung in Augusta Treverorum.

Auch jetzt schon kommen die Studenten in Kontakt mit dem Schmelztiegel der römischen Provinz - und zwar über eine Kooperation mit dem Archäologiepark Belginum bei Morbach, der anhand eines antiken Straßendorfs zeigt, wie das Leben an einer Fernstraße in keltischer und römischer Zeit aussah. Die Nachwuchswissenschaftler können sich dort an Grabungen beteiligen. So waren sie dabei, als auf der Trasse der neuen B 50 ein Tempel freigelegt wurde, den die Römer auf einem keltischen Steinkreis errichtet hatten.

Auch reichlich Anschauungsmaterial bietet die Uni: Wer studieren will, wie römische oder griechische Kunst aussieht, kann dies in der hauseigenen Antikensammlung tun.

So weit, so klassisch. Die Archäologen arbeiten allerdings derzeit auch an einem Projekt, das man eher im Silicon Valley vermuten würde. Unter dem Titel "Antike Realität mobil erleben" und mit mehr als einer Million Euro Fördergeld entwickeln sie in Kooperation mit Geowissenschaftlern ein radikal neues touristisches Angebot für die Region Trier. An mehr als 100 archäologisch bedeutsamen Orten können Interessierte mit Hilfe einer Smartphone-App in Zukunft erfahren, wie die Bauwerke aussahen, die dort einst standen. Tempel, Burgen, Villen, Mühlen, Ringwälle oder Kelteranlagen werden aus dem Nichts wieder auferstehen. Das funktioniert ähnlich wie beim beliebten Pokémon Go-Spiel. "Man hält das Smartphone hoch, die Kamera filmt die Umgebung und dann wird das dreidimensionale Modell eingeblendet", erklärt Mattern. Und mehr als das: Man kann sich frei um die realistisch wirkenden Sehenswürdigkeiten herumbewegen und sie aus verschiedensten Perspektiven erkunden. 2019 soll die App zur Verfügung stehen.

Aber was machen die Studenten, wenn sie ihren Bachelor oder Master haben? Ist Archäologie nicht eine brotlose Kunst?
Wer Glück hat, finde eine Stelle im Museum, in einer Forschungsinstitution, bei Grabungsfirmen oder bei der Bodendenkmalpflege. Im öffentlichen Dienst wird nach Tarifvertrag bezahlt, je nach Erfahrung und Aufgabe zwischen 3500 und 4700 Euro brutto im Monat.

"Aber die Jobs sind rar", räumt Mattern ein, sagt allerdings auch: "Ich kenne kaum arbeitslose Archäologen" - Flexibilität vorausgesetzt. Denn die "Soft Skills" - also die sozialen oder methodischen Fähigkeiten der Archäologen seien auch in anderen Bereichen gesucht: im Journalismus, in der Wirtschaft oder im Tourismus. Das seien echte Alternativen, keine Notjobs, sagt Mattern und wirbt für sein Fach, das so gut zur Vergangenheit der Region Trier passt.