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Massive Attack in der Rockhal Esch: Die Welt ist schlecht, der Soundtrack toll

(Esch/Alzette) Die Triphop-Pioniere Massive Attack bleiben ein Vierteljahrhundert nach ihrem Durchbruch noch relevant - das demonstrierte die Band aus Bristol bei ihrem zweiten Gastspiel in der Rockhal Esch (das erste war 2009). Gegen einen Nostalgie-Trip verwehrt sich die Band aus gutem Grund.

10.02.2016
Andreas Feichtner
Jahrzehnte darf man diskreditieren, in die Tonne kloppen, besinnungslos verklären. Sie haben keine Gefühle und sind im allgemeinen schon tot und vorbei, bevor man sie wirklich lieben konnte. Das erklärt, warum es heute "90er Partys" gibt, die als musikalische Essenz der Dekade Vengaboys, Spice Girls oder Dr. Alban destillieren. Oder warum manche Zu-spät-Geborene beim Gedanken an die 1980er die Menschheit kollektiv im neongelben Netzhemd und mit Milli-Vanilli-Kassette im Walkman durch sauren Regen torkeln sehen. No way. Es gab auch neongrüne.

Was das mit Massive Attack zu tun hat und ihrem Auftritt in der gut gefüllten Rockhal am Dienstagabend? Die Bristoler Band war in den kompletten 90ern wirklich stilbildend, neu, aufregend, als Triphop-Wegbereiter. Nur eben zu geschmackssicher, zu langsam und zu schwer, um Jahre später vom Bad Taste vereinnahmt zu werden.

Mastermind Robert del Naja, besser bekannt als 3D, und seine Kollegen sind bis heute kein Ausbund an Fröhlichkeit. Genau genommen kann man nach dem Massive-Attack-Konzert leicht eine ganze Ecke schlechter gelaunt nach Hause gehen als man hingekommen war. Das liegt nicht am Sound, da passt alles in der Rockhal. Es liegt auch nicht an der Song-Auswahl. Die Setlist ist zwar in Teilen identisch mit der vom Auftritt in der Luxemburger Abtei Neumünster 2014. Aber mit "Ritual Spirit" oder den Zugaben "Voodoo in My Blood" und "He Needs Me" - mit dem exzellenten Support Young Fathers auf der Bühne - gibt es auch neue Lebenszeichen von der Band, die es in fast 30 Jahren Geschichte erst auf fünf Alben gebracht hat. Es ist schon eine halbe Sensation, dass sechs Jahre nach dem letzten Album "Heligoland" im Januar zumindest eine neue EP mit vier Songs herauskam.

Für die eher trübe Stimmung nach einer atmosphärisch dichten 90-Minuten-Show sorgt nur - die Welt im Jahr 2016. Die wollen die politisch engagierten Briten nie ausblenden, was man ihnen kaum vorwerfen will. Die LED-Walls liefern gnadenlos: Zahlen, Fakten, Fragmente. Mal Fotos von erschöpften, halbtoten syrischen Flüchtlingen (während "Girl I Love You"). Es flackern Kurznachrichten von Bomberpiloten, blinken Flaggen von totalitären Staaten auf, im Wechsel mit Logos von globalen Konzernen ("United Snakes"). Auch im Klassiker "Safe from Harm", grandios mit Deborah Miller am Gesang, ist man weit davon entfernt, in Sicherheit zu geraten: Im Hintergrund tickern die Nachrichten, welche religiösen Stätten in der Vergangenheit zerstört wurden - insbesondere vom IS in den vergangenen Jahren. Die Gegenwart tut weh. Aber zumindest klang sie am Dienstag richtig gut.

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