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Meister der genauen Beobachtung: Uwe Timm liest in Wittlich beim Eifel-Literatur-Festival

(Wittlich) Zu einem hocheindrucksvollen Ereignis wurde die Lesung von Uwe Timm im Cusanus-Gymnasium in Wittlich. Der Autor, einer der wichtigsten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ist zum Eifel-Literatur-Festival gekommen.

12.09.2016
Eva-Maria Reuther
Der Turm, auf den sich der Titel seines Erzählbandes beruft, liegt im Périgord. Dort, im dritten Geschoss seines Schlosses, hatte Michel de Montaigne seine Bibliothek und sein Studierzimmer.
Uwe Timms Arbeitszimmer befindet sich auch in einem Turm, allerdings hierzulande in München. Wie weiland der französische Philosoph und Vater des Essays, denkt er hier seit vielen Jahren über die Welt und die eigene Person nach. Was er - Goethes "Türmer" gleich - nah und fern sieht, reflektiert er in seinen vielschichtigen Romanen und Erzählungen.

Eifel-Literatur-Festival 2016


Ohne Frage ist der 1940 in Hamburg geborene Autor, dessen vielfältiges Werk neben seinen Romanen und Erzählungen auch Kinder- und Drehbücher beinhaltet, eine der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und zudem einer der großen Erzähler dieser Zeit.

Am Freitag ist Timm Gast beim Eifel-Literatur-Festival im Wittlicher Cusanus Gymnasium gewesen. Bereits am Morgen hatte er im St. Matthias Gymnasium in Gerolstein gelesen und mit Schülern diskutiert.

Der Autor, dessen Name untrennbar mit den 68-er Jahren und ihren Studentenrevolten verbunden ist, kam als lang ersehnter Gast. Mehr als ein Jahrzehnt hatte sich Festivalchef Josef Zierden, wie er freudig berichtete, um diesen Besuch bemüht. Umso dankenswerter war es, dass Timm trotz enger Termine und angeschlagener Gesundheit bei seiner Zusage geblieben ist.

In Wittlich las der Autor von "Die Entdeckung der Currywurst" und "Halbschatten" aus dem Erzählband "Montaignes Turm". Und das war ein Glücksfall. Verdichtet sich doch in dem kleinem Band, der im vorigen Jahr zu Timms 75. Geburtstag erschienen ist, eindrücklich, was die Erzählkunst des Altachtundsechzigers ausmacht. Timm las daraus den autobiografischen Essay "Der Lichtspalt unter der Tür", entstanden als Vortrag im Rahmen seiner Brüder-Grimm-Professur in Kassel.
Ausgangspunkt ist ein Band Grimms Märchen, den der Großvater dem kleinen Uwe mit Widmung schenkt. Er ist Symbol für jene Märchenwelt, mit der sich Timm in seinem Vortrag auseinandersetzt und die er der realen Wirklichkeit der Evakuierung des Kindes und seiner Mutter aus Hamburg ins kleinstädtische Coburg entgegenstellt.
Allerdings nicht als unvereinbare Gegenwelten: Wie in seinen anderen Werken, in denen sich Timm mit Gegenwart, Kriegs- und Nachkriegszeit beschäftigt, durchdringen sich auch in dieser kunstvollen Miniatur die Welten zu einem dichten Gewirk.
Der Lichtspalt, der im dunklen Kinderzimmer sichtbar ist, ist Zeugnis einer anderen Wirklichkeit. Er weist den Weg aus der unheimlichen Unbehaustheit der Märchenwelt in die häusliche Geborgenheit.

Realität und Märchen


Das Leben im Haus des Onkels, eines Tierpräparators, verwebt sich mit der Traumwelt des Märchens. Dabei stellt sich heraus, dass Realität und Märchen so unterschiedlich nicht sind. Sie bieten nur unterschiedliche Problemlösungen u0nd lassen andere Hoffnungen zu. Einmal mehr zeigte sich: Uwe Timm ist ein Meister der genauen Beobachtung, ein Virtuose der wechselnden Perspektive ohne Brüche.
Immer wieder abstrahiert der Ich-Erzähler vom eigenen Erleben zum distanzierten Bericht über "das Kind", so als ob die Annäherung ans eigene Ich nur aus dem Abstand gelänge.
Timm Erzählkunst ist ungeheuer redegwandt, ohne jemals geschwätzig zu werden. Seine Sache sind die feinen Zeichen. In ihnen wird das, was beiläufig scheint, zum bedeutsamen Ereignis. Seit jeher ist Timms Prosa gesellschaftlich engagiert. "Ich fühle mich als politisches Subjekt", bestätigt er in Wittlich. Um gesellschaftliche Befindlichkeiten und ihre Auswirkungen auf das Individuum geht es auch in Timms neusteem Roman "Vogelweide", aus dem er anschließend einen kurzen Ausschnitt liest, einer Geschichte von Scheitern und Neuanfang.
Auch hier wird deutlich: Meisterlich versteht sich der Autor auf die feine ironische Brechung, sein Blick ist der eines wissenden Menschenfreundes. Auch wenn er, wie er in Wittlich bestätigt, noch die alte Wut im Bauch hat: Uwe Timm ist ein weiser literarischer Revoluzzer geworden, immer auf dem Weg in die Welt und zu sich selbst. Einer, in dem, wie er einmal sagte "die Generationen vor uns flüstern" und der den Generationen mit und nach ihm jede Menge zu sagen hat. Ein hocheindrucksvoller Abend, was wohl auch das aufmerksame Publikum so empfand.