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Musical: Sunset Boulevard feiert Premiere in der Tufa Trier

(Trier) Das Musical "Sunset Boulevard" hat bald Premiere in der Trierer Tuchfabrik. Ein Blick hinter die Kulissen einer Probe zeigt: Große Gefühle erfordern immer harte Arbeit.

08.09.2017
Jörg Pistorius
Auf der Bühne der Tufa in Trier explodieren Freude und Leidenschaft. Drei! Zwei! Eins! Frohes neues Jahr! Die Partygesellschaft, die eben noch ihre guten Vorsätze für das kommende Jahr besungen hat, jubelt und feiert. Nur einer steht reglos am Bühnenrand, Entsetzen im Gesicht.

Es ist der junge, erfolglose Drehbuchautor Joe Gills. Genau zum Jahreswechsel, dem Höhepunkt der Party, erfährt Joe, dass die Stummfilmdiva Norma Desmond sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Seinetwegen. Diese beiden völlig gegensätzlichen Szenarien - Lebensfreude und Entsetzen - enden mit einem Ruck. Kurze Pause.

Die jungen Sänger und Darsteller in der Tufa holen Luft. Dort, wo eben noch Lebensfreude auf Entsetzen traf, herrscht jetzt wieder eine Atmosphäre hoher Konzentration und Motivation. Vor der Bühne sitzt Regisseur Stephan Vanecek. "Das war schon ganz gut", sagt er und wendet sich dann einzelnen Darstellern zu, um Details zu besprechen. Jeder Ton, jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck muss passen, wenn "Sunset Boulevard" in der Tufa Premiere hat.

Seit acht Jahren macht ein Team, das sich selbst als Familie sieht, Musicals in der Trierer Tuchfabrik. Stephan Vanecek als Regisseur und Darsteller und Dominik Nieß als musikalischer Leiter sind die Säulen dieser Familie, die immer wieder mit talentierten Laien arbeitet. "Einige davon sind so gut, dass sie den Sprung ins Profigeschäft geschafft haben", sagt Vanecek. "Das macht uns schon sehr stolz."

Seit dem Start mit "Heiße Ecke" im Jahr 2009 war jedes Musical des Teams um Vanecek und Nieß ein Erfolg mit ausverkauften Vorstellungen. "Cabaret", "Hairspray", "Aida", "Jekyll and Hyde", "Bonnie and Clyde" - die Tufa bebt, sobald sich der Vorhang hebt. Mit "Sunset Boulevard" von Andrew Lloyd Webber hat sich die Familie ein tragisch-schönes Stück ausgesucht. Große Gefühle - und harte Arbeit.

Vanecek lässt das Team die Party-Szene noch einmal aufführen. "Es kommt auf jede einzelne Bewegung an", sagt er. Die Massenszenen sind präzise choreographiert. Jeder Darsteller muss zu jeder Zeit genau wissen, wo er steht, wohin er sich wenden muss und wohin sich das Team bewegt. Dafür sorgt Choreographin Angelika Bucks. Und natürlich muss er oder sie dabei auch fehlerlos singen. "Der Raum auf der Bühne ist begrenzt", sagt Vanecek. "Es ist deshalb wichtig, ihn optimal zu nutzen."

Die Darsteller lassen in den Pausen mittlerweile leichte Zeichen von Anstrengung erkennen. Es ist 17 Uhr. Sie proben schon seit dem frühen Morgen. Es ist sehr warm im großen Saal der Tufa. Dennoch lässt die Intensität nicht nach. Es ist Zeit für eine große Szene der beiden Hauptdarsteller. Gänsehaut pur.

Joe Gills rast zur Villa von Norma Desmond, nachdem er auf der Silvesterparty per Telefon von ihrem Selbstmordversuch erfahren hat. Philippe Kayser spielt den tragischen Helden mit vollem Einsatz. Er findet die Diva geschwächt und verletzt, aber lebendig vor. Er will sich von ihr trennen und lossagen, will den Bruch mit der dem Wahn verfallenen Frau, die ihren schwindenden Ruhm nicht verkraftet hat. Doch er schafft es nicht.

Die Musik - Dominik Nieß am Klavier - schwillt an, das Paar sieht sich tief in die Augen. Eine extrem schwierige Szene, die leicht ins Lächerliche abgleiten kann. Doch nicht hier. Nach dem zweiten Versuch ist Regisseur Vanecek zufrieden.

Katharina Scherer spielt Norma Desmond. Scherer ist seit Jahren als Sängerin und Darstellerin, aber auch als Vocal Coach und inzwischen auch Regieassistentin eine Leistungsträgerin der Trierer Musical-Familie. Ihre Rolle ist ein zentrales Element des Stücks. "Wir wollen, dass das Publikum Norma mag", sagt Stephan Vanecek. Das wird schwer. Die alternde Diva lebt in ihrer Traumwelt und krallt sich an den Gedanken, weiterhin ein großer Star zu sein, dessen nächster großer Film "Salomé" kurz bevorsteht. Doch Katharina Scherer spielt die Rolle königlich und intensiv. Nicht Bosheit ist es, die sie treibt, sondern der allzu menschliche Wunsch, nicht zu altern und vergänglich zu werden. Nur endet dieser Wunsch in ihrem Fall im Wahnsinn. Die Schlussszene ist wieder Gänsehaut pur.
Extra: BOULEVARD DER DÄMMERUNG

Andrew Lloyd Webber, der auch Welterfolge wie "Cats", "Starlight Express" und "Das Phantom der Oper" auf die Bühne gebracht hat, schuf das Musical "Sunset Boulevard" 1993 nach dem gleichnamigen Film von Billy Wilder aus dem Jahr 1950, der in Deutschland unter dem Titel "Boulevard der Dämmerung" lief. Hierzulande lief "Sunset Boulevard" von 1995 bis 1998 im speziell dafür gebauten Rhein-Main-Theater im hessischen Niedernhausen.

Termine: In der Trierer Tuchfabrik läuft das Musical am 15., 16., 17., 21., 22., 23., 24., 28., 29. und 30. September sowie am 1., 5., 6. und 8. Oktober. Karten gibt es im TV-Service-Center Trier, unter der TV-Ticket-Hotline 0651/7199-996 sowie unter www.volksfreund.de/tickets