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Odyssee mit dem Schauspielensemble

Schauspieltour durchs Theater Trier: 180 Zuschauer erleben sechs verschiedene "Portrait"-Abende

(Trier) Eine fulminante Vorstellung: Mehr als vier Stunden lang hat das Schauspielensemble des Theaters Trier seinem Publikum in zehn Soli all seine Seiten gezeigt. Teils originell und mitreißend, teils verwirrend und nahezu einfallslos. Und von allem nur einen Ausschnitt, hat doch kein Zuschauer alle Inszenierungen verfolgen können.

21.02.2016
Mechthild Schneiders
Er lallt. Fordert wieder und wieder einen Schnaps, schimpft auf den Barkeeper. Nicht jeder der 180 Zuschauer im Foyer des Theaters Trier erkennt, dass der Schauspiel-Abend "Portraits" begonnen hat. Erst langsam nimmt Christian Beppo Peters’ Rolle Form an: Odysseus. Ein Mann auf Irrwegen - in der Antike und im Heute. Peters vermengt beide unmerklich, springt von Homers "Odyssee" ins Jetzt. Wie ein Getriebener hetzt er durchs Foyer, mischt sich unter die Zuschauer, eilt nach vorn, zitiert Homer-Verse. Seine Gestik ist packend, die Mimik berührend. Und er nimmt seine Gäste mit in den Großen Saal.

Zuschauer auf Irrfahrt


Wie auf einer Irrfahrt fühlt sich auch der Zuschauer dieses Wandeltheaters zuweilen. Jeder erhält eine Nummer. Das reißt Paare und Freunde auseinander. Denn jede Gruppe sieht nur fünf der zehn Inszenierungen des Schauspielensembles. Die dauern ewig - mehr als vier Stunden.

Auf der Probebühne wartet Gnal Enailuj - ein Anagramm. Rückwärts? Vorwärts? Die Wortschnipsel, die Juliane Lang zu Gedichten zusammenfügt, könnten, anders angeordnet, einen neuen Sinn bekommen. Ihre Wohnzimmeridylle gerät durch Stimmen aus dem Radio aus den Fugen. Eine, die mit Lang diskutiert. Eine, die zeitgleich Gedichte vorträgt. Das Zwiegespräch mit dem Ghettoblaster lebt vom Gegensatz. Auch äußerlich: Langs schicke Hochsteckfrisur ist ein Kontrast zu den Doc Martens. Die Idee ist originell und ausbaufähig. Die Texte hingegen nur schwer zu verstehen. Und was der malende Graffitikünstler David Schmitz im Hintergrund soll, erschließt sich nicht.

Verwirrend geht es weiter im eiskalten Kuppelzelt im Theatergarten. Fragen, von Claudio Gatzke auf Band eingesprochen, prasseln auf die Zuhörer ein. Dutzende. Sinnvolle und sinnfreie, philosophische und triviale, reale und fiktive. In Endlosschleife. Als sich die Texte wiederholen, stehen die Ersten auf, bewegen sich über die matschige Wiese zum mobilen Intendantenbüro.

Dort sitzt der Künstler selbst, schaut sich den Film "Brave heart" an, kommentiert ihn sporadisch. Um es kurz zu machen: Gatzke schaltet den Fernseher aus, lässt eine Passage aus Miguel de Cervantes’ "Don Quixote" vortragen, schlägt die Vorleserin mit einem riesigen Schwert zum Ritter, hüpft auf einem Steckenpferd durch den kleinen Raum. Doch das Slapstickartige wirkt aufgesetzt, gezwungen.
Authentisch hingegen die nächste Szene: Barbara Ullmann und Tilman Rose haben im Foyer ein Studio aufgebaut. "Rocky", der Boxerfilm mit Sylvester Stallone, als Hörspiel ist ihre Mission. Vor ihnen allerlei Utensilien: Glocken, Flöten, Schlüssel, Boxhandschuhe zum Draufschlagen, Schuhe zum Tippeln, ein Metermaß (Schreibmaschinengeklapper), ein Holzschrank (Türschlagen), dazu Gitarre und Melodica für die Musik.

Sämtliche Stimmen sprechen sie selbst ein, nutzen auch Sampler und Verzerrer. Dabei spielen die beiden ihr breites vokales Repertoire voll aus. Herrlich, wie Rose die rauchige, schnoddrige Stimme von Synchronsprecher Jürgen Prochnow imitiert. Das Ganze ist so authentisch, dass man sich mit geschlossenen Augen in den Film versetzt fühlt.

Trennende Glaswand


Szenenwechsel: Einladend wirkt die Kantine mit Wasser- und Rotweinflaschen auf den Tischen. Aus der Küche klingt geschäftiges Klirren. Das große Fenster ist mit Zeitungspapier beklebt. Plötzlich löst sich eine Ecke. Langsam legt Gitte Reppin die Scheibe frei, reißt Seite für Seite herunter. Die ersten Sätze aus Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" kommen vom Band, bevor Reppin selbst spricht.

Das Glas trennt Schauspielerin und Zuschauer. Reppin schafft es nicht, die Distanz zu überwinden. Zu einsilbig ihre Mimik, zu monoton ihre Stimme. Dabei ist das Stück emotionsgeladen, lebt geradezu vom Zwiespalt der Person Meinhofs. Davon ist bei Reppin leider nichts zu spüren.

Wer "Portraits" nicht erlebt hat, erhält ab April die Möglichkeit, die ausgearbeiteten Stücke separat zu sehen.

Die weiteren Stücke: Ronja Oppelt "Räuberkind", Gina Haller "Romy Schneider", Julian Michael Boine "König Fußball", Klaus Michael Nix "Bühne frei für ...", Nadia Migdal "Róza und Leon".

 

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