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Revolutionäre unter sich

Geglücktes Trierer Theater-Experiment: Richard Wagner im Duell mit Karl Marx

(Trier) Eine witzige Idee, intelligent konzipiert, brillant umgesetzt: Richard Wagner trifft Karl Marx, der Revolutionär der Musik misst sich mit dem Revolutionär der Politik. Eine Art Live-Hörspiel - und ein Höhepunkt des Trierer Theater-Festivals "Maximierung Mensch".

21.06.2013
Dieter Lintz
Trier. Der Ort könnte nicht besser gewählt sein: Mitten in der imposanten Marx-Ausstellung im Museum Simeonstift hat sich ein Quintett versammelt, um mit einer Collage aus Texten, Musik und Geräuschen zu untersuchen, was die Geistesgrößen Marx und Wagner verbindet. Die Bude ist so voll, dass Hausherrin Elisabeth Dühr und Intendant Gerhard Weber keinen Sitzplatz mehr ergattern und dem gut einstündigen Programm stehend lauschen müssen.
Musikdramaturg Peter Larsen hat sich einiges einfallen lassen. Da rattert die Tannhäuser-Ouvertüre im beschleunigten Revolutionstempo aus den Lautsprechern, vermischen sich historische Maschinenklänge filigran mit den hämmernden Nibelungen-Zwergen aus dem "Rheingold". Köstlich die "Internationale" im gestelzten Wagner-Stil.

Wotan in der Schuldenkrise


Fleißig hat Autor Larsen Texte zusammengetragen, die eine Geistesverwandtschaft nahelegen zwischen den beiden Männern, die sich in der Wirklichkeit nie begegneten. In der Tat lassen sich von Wagners frühen revolutionären Ideen und seinen späten Ring-Erkenntnissen verblüffende Parallelen zu Marx ableiten - zumindest, wenn man die Walhall-Götter als luxusverwöhnte Bagage interpretiert, die durch Überschuldung in die Krise geraten sind. Ob man vom Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate tatsächlich einen Zusammenhang zu Wotans Räsonnieren über die Bindungskraft von Gesetzen und Verträgen herstellen kann, darüber könnten Wissenschaftler sicher lange streiten.

Zwei asoziale Sozialisten


Aber das tut dem geistreichen Vergnügen keinen Abbruch, wenn Klaus Michael Nix den Alberich mit einer verbalen Prägnanz gibt, die den meisten Bayreuth-Größen abgeht. Wenn Peter Singer eindringlich seinen Marx deklamiert, und im Duell der beiden deutlich wird, welche Giganten der Sprache da aufeinanderprallen. Wenn Alexander Trauth und Piotr Kaczmarczyk mit feiner Diktion die musikalische Seite ausleuchten. Das alles hat Tempo, Rhythmus, Verve und Präzision.
Man hätte, um das Experiment abzurunden, den privaten Seiten von Marx und Wagner etwas mehr Aufmerksamkeit widmen können. Da hätten sich ebenfalls Ähnlichkeiten finden lassen, waren doch die beiden Weltverbesserer im schnöden Alltag eher asoziale Sozialisten, die vom Ausbeuten ihrer Mitmenschen lebten und sich durch einen überaus unsoliden Umgang mit Geld auszeichneten.
Aber auch so war das "Live-Feature" ein vom Publikum mit reichlich Beifall gefeierter intellektueller Genuss.