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Tanzcompany The People United im Theater Trier: Der Weg zur Perfektion

(Trier) Mit ihrer neuen Tanztheaterproduktion "Wanderer" geht die interkulturelle Tanzcompany The People United auf die Suche nach gemeinsamen Wurzeln.

10.11.2017
Mechthild Schneiders
Es schneit. Dicke Flocken schweben im Nebel. Stockdunkle Nacht. Tiefe Töne schwirren durch den Raum - die sonore Stimme kommt von allen Seiten. Ein Jodler mischt sich darunter. Der Strohhaufen im Hintergrund regt sich - ein Mensch schält sich heraus, nimmt Form an, schwingt zu den Klängen. Trommeln erklingen. Weitere Tänzer kommen hinzu, krauchen über den Boden, rutschen, wälzen, drehen sich. Animalisch, kraftvoll.

Die drei Frauen und drei Männer nutzen die gesamte Fläche der Bühne im großen Haus des Theaters Trier voll aus. Die haben sie für das neue Stück "Wanderer" in einer Stellprobe kennengelernt. Dabei deuten sie die Bewegungen, Gänge, Stellungen, Haltungen nur an - im Schnelldurchgang. Einstudiert hat Choreographin Hannah Ma mit ihrer Tanzcompany The People United das neue Tanztheater bereits in Eupen (Belgien) - Uraufführung war dort am Freitag.

"Die Umstellung ist heftig", sagt Ma. Denn die Bühne in Eupen sei drei Meter schmaler und sechs Meter kürzer. "Die Tänzer waren es gewöhnt, sich in ihren Bewegungen zu bremsen." Jetzt, in der Generalprobe für die morgige Trier-Premiere, müssten sie umlernen.

"Ihr müsst hier weitere Wege gehen, dürft aber nicht schneller werden", erklärt Ma den Tänzern. Die Bühnentechniker haben sie bereits mit weißer Folie abgeklebt und Strohgebilde aufgehängt. "Wir brauchen mehr Nebel", sagt Ma am Ende der Probe zu den Technikern. "Der Schnee war toll. Aber es könnte länger schneien. Dann kann Valentina beim Tanzen die Flocken fangen."

Im Hintergrund der Bühne steht die Musikanlage für Sebastian Purfürst. Er hat den Soundtrack gemeinsam mit Ma ausgesucht und mit eigenen Kompositionen ergänzt, die er live seiner E-Gitarre entlockt. "In dieser Musik geht es sehr um die Atmosphäre", sagt Purfürst. "Ich möchte nicht viele Emotionen vorgeben oder die Zuschauer gefühlsmäßig manipulieren." Es sei ein mehr skulptureller Klang. Der Musiker erzeugt ihn, indem er etwa seine E-Gitarre mit einem Cellobogen spielt. "In der arabischen Welt gibt es viele Instrumente mit einer Saite, die mit Bogen gespielt werden." Die Musikstücke für "Wanderer" klingen urban, gleichzeitig global, mit starken folkloristischen Anleihen. Die Klänge sind schräg, die Töne knarzen.

Die Tänzer auf der Bühne kämpfen gegeneinander. Fallen, stehen auf, kämpfen weiter. Wie Soldaten. Einer gegen einen, zu zweit, zu dritt. Bis alle niedergemäht sind. Langsam regt sich wieder Leben. Wie in Zeitlupe bewegen sich die Tänzer zu rhythmischen Klängen. Paare finden sich, verschmelzen miteinander. Ihre Bewegungen sind fließend. Nicht zuletzt aufgrund der Kostüme, die Feuer und Eis miteinander vereinen.

Nach und nach ziehen sich die Tänzer zurück, verschwinden von der Bühne. Zurück kommen sie in Stroh verhüllt, bilden einen Strohgeist, einem chinesischen Drachen gleich. Nur Saeed Hani bleibt außen vor, versucht es mit seinen sanften Bewegungen milde zu stimmen.

Die Szene erinnert an den alten Brauch der "Raunächte" in Mas süddeutscher Heimat. In den Nächten zwischen 24. Dezember und 6. Januar können die Menschen die Toten, die Geister treffen, so der Volksglaube. Zum Schluss verschwindet Hani im Strohhaus, singt mit klarer, weicher Stimme ein irakisches Volkslied "über ein Baby, das zuhause sicher in seiner Wiege schläft". "Für den Gesang brauchen wir mehr Hall", sagt Ma. Hani singt erneut. Die Tontechniker drehen am Regler - der Gesang erhält mehr Echo.

Im letzten Bild legen sich die Tänzer die Strohelemente (Ele Bleffert) um Kopf und Schultern. Es raschelt, Stroh fliegt durch die Luft. Stampfende Klänge erinnern an rituelle Tänze der Indio. Wie Vögel breiten die Tänzer die Arme aus - vielleicht eine brasilianische Geisterbeschwörung? Maher Abdul Moaty, Saeed Hani, Aifric Ní Chaoimh, Valentina Zappa, Ileana Orofino und Sergio Mel kommen aus Syrien, Irland, Italien, England und Brasilien. Zusammen machen sie sich in "Wanderer" auf die Suche nach gemeinsamen Wurzeln. Die gar nicht weit entfernt liegen. Am Ende tanzt Zappa alleine. Leise rieselt Schnee.

Weiterer Termin: 25. November, 20 Uhr, Theater Esch, Luxemburg. Tickethotline: 00352/2754-5010.
 
Die Tanz-Company The People United
Die Trierer Choreographin Hannah Ma hat im Jahr 2015 das Netzwerk "H.E.R.O.E.S." initiiert, um eine Brücke zwischen der westlichen und der arabischen Tanzkultur zu schlagen. Die gleichnamige Performance wurde von der Europäischen Union mitfinanziert und war zum Fringe Festival Ruhrfestspiele Recklinghausen und zum Festival Passages in Metz eingeladen. Aus diesem euro-arabischen Netzwerk entstand 2016 die interkulturelle Tanzcompany The People United, die vom Fond Soziokultur unterstützt wurde. Und sie war noch im Gründungsjahr nominiert für den Deutschen Engagementpreis. Die Gruppe tanzte unter anderem im Musical "Jesus Christ Superstar" des Theaters Trier mit. Im Januar dieses Jahres war sie mit Ausschnitten aus ihren Produktionen, darunter auch "Wanderer", bei der Apap-Konferenz, der Association of Performing Arts Presenters, in New York zu Gast.