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Teufel austreiben und Glück suchen

(Trier) Der scheue Pianist James Rhodes beeindruckt in der Europäischen Kunstakademie.

04.10.2017
Eva-Maria Reuther
Trier Musik mache den Menschen fröhlich und helfe, den Teufel austreiben, hat Martin Luther festgestellt. Dass sich James Rhodes mit Luther auskennt, ist nicht bekannt, mit den Teufeln dafür umso besser, zumindest mit den irdischen.
Jahrelang wurde der 1975 geborene Engländer von seinem Sportlehrer vergewaltigt und missbraucht. Den einen Teufel versuchte er mit anderen auszutreiben. Drogen, Alkohol und Zwangsstörungen machten ihm sein beziehungsunfähiges Dasein zur Hölle. Am Leben hielt ihn die Musik.
Genau genommen war es Johann Sebastian Bachs Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine BWV 1004, die er als Siebenjähriger zum ersten Mal hörte.
Augenblicklich wusste der heute 42-Jährige, der noch immer ein wenig scheu wirkt, obwohl er längst vor ausverkauften Sälen spielt und als Moderator im Fernsehen auftritt: Das war seine Welt, sein Fluchtort.
Hier traf er andere Leidende, wie den alterstauben Beethoven oder den genialen Johann Sebastian, der 20 Kinder hatte, wie "fucking Mick Jagger" , von denen elf starben, und der beim Tod seiner Frau auf Reisen war.
Davon erzählt der Pianist, der in seinem Buch "Der Klang der Wut" seinem Zorn über die erlittenen Demütigungen und Qualen Luft macht, auch seinem Publikum in Trier. Dorthin ist er zu einem Konzert im Rahmen des Mosel Musikfestivals in die Europäische Kunstakademie gekommen. "James Rhodes" ist hinten an der Wand zu lesen. Davor steht der Pianist locker und in Turnschuhen, angetan mit dem berühmten Sweatshirt auf dem in großen Lettern "Bach" steht, sein Schutzheiliger sozusagen.
Rhodes erzählt ein wenig zu den Stücken, die er hier und anderswo spielt. Von Orpheus aus Glucks Oper "Orpheus und Eurydike", der nicht warten konnte und damit seine Frau endgültig verlor.
Von Bachs Seelennot beim Tod seiner Frau, die ihn zu jener Chaconne veranlasste, die Rhodes zum Schlüsselerlebnis wurde, und vom großen Weltgeschichten-Erzähler Chopin. Wenn er so dasteht und erzählt, geht von Rhodes noch immer eine gewisse Unbehaustheit aus. Die ist augenblicklich verschwunden, wenn er am Flügel sitzt.
Es mag perfektere Pianisten als Rhodes geben, aber er ist mit Sicherheit einer der beseeltesten und ein unbedingt ehrlicher dazu.
Rhodes Spiel ist schonungslose Seelenarbeit. Sie ist gleichermaßen Teufelsaustreibung wie Glückssuche.
Das wird sogleich im Präludium von Bachs Partita Nr.1 in B-Dur BWV 825 klar. Da ist Rhodes ganz bei sich, nachdenklich, in der Musik sich selbst suchend und zutiefst anrührend. Ein bisschen klingt das schon nach Beethoven.
Aber der Gigant gehört ja auch zu Rhodes Göttern. Sein Anschlag ist weich, mitunter geradezu zärtlich, auch später, wenn er "seine" Chaconne in der Klavierbearbeitung von Busoni spielt. Da weiß er sich unüberhörbar eins mit dem Meister in seiner Trauer, seiner verlorenen Liebe und in seiner Glückssehnsucht.
Unsagbare Wut klingt dagegen aus Frédéric Chopins Ballade Nr.4 f-Moll op. 52. Aufwühlend und aufgewühlt spielt der Pianist, jagt in gewaltigen Akkorden und furiosen Läufen die eigenen Gespenster.
"Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen", hat Friedrich Nietzsche befunden. Auf wen würde das Wort des Philosophen besser passen, als auf den Engländer mit dem scheuen Blick. Minutenlanger Beifall und jede Menge Zugaben.