ausallerwelt/kultur

Vielleicht doch die beste Band der Welt

Die Ärzte spielen vor 8000 Fans in der ausverkauften Arena Trier - Drei-Stunden-Show mit alten Juwelen

(Trier) "Das Comeback" - so nennen die Ärzte ihre Tour. In Trier bläst das Kult-Trio Spekulationen über ein Ende der mittlerweile 30 Jahre alten Band mühelos weg. Drei Stunden mit Farin Urlaub, Bela B. und Rod Gonzáles verwandeln 8000 Fans in der ausverkauften Arena in eine jubelnde, Pogo tanzende und die Party genießende Masse.

19.10.2012
Jörg Pistorius
Trier. Wir sind die Allerbesten! Im Osten und im Westen! Die Selbstironie der "besten Band der Welt", so nennen sie sich seit jeher, begleitet wie immer jede Zeile. Wer allerdings sieht, was sich in der Arena abspielt, als die Ärzte mit "Wir sind die Besten" die Bühne betreten, kann nicht völlig sicher sein, wo die Ironie aufhört und die Realität beginnt. Farin Urlaub hat noch keinen Ton von sich gegeben, da tobt die Halle bereits. Bela B. hat seiner Schießbude, die er wie gewohnt im Stehen malträtiert, noch keinen Schlag entlockt, da springen die Ersten vor der Bühne. Dabei waren manche in den Startjahren der Band noch gar nicht auf der Welt.
Die Ärzte sind eines der langlebigsten, erfolgreichsten und beliebtesten deutschen Musikprojekte. Ein musikalischer Ausnahmezustand, der genau wie die ewigen Rivalen der Ärzte - die Toten Hosen - seit drei Jahrzehnten Hallen füllt und Leute ausrasten lässt. Das biologische Alter spielt längst keine Rolle mehr. Farin Urlaub wird nächstes Jahr 50, Hosen-Frontmann Campino ist es schon. Wen interessiert\'s? Ihre Musik kommt nicht daher, als sei sie schon 50.
Eine straff organisierte und mit höchster Disziplin verbundene Bühnenshow war noch nie ihr Ding. Die Ärzte labern und plaudern gern, machen sich absolut nichts aus dem verpennten Einstieg in "2000 Mädchen" und überspielen ihn, als würden sie nicht auf der Bühne, sondern an einer Theke stehen.
"Rod ist echt ein verdammt guter Gitarrist geworden, seit er seine Seele dem Teufel verkauft hat." Kurze Pause. "Mit fünf Jahren." Bela B. hat die Rolle des still hinter seinem Instrument sitzenden Schlagzeugers schon immer abgelehnt. Seine improvisierten Dispute mit Farin Urlaub sind fester Teil der Show. Mit einer Länge von drei Stunden und einem Umfang von 38 Songs kann diese Show solche Zwischenspiele auch gut verkraften. Es ist trotzdem noch genug Zeit für Party und Pogo.
Zehn Stücke von ihrem aktuellen und insgesamt zwölften Studioalbum "auch" sind in Trier dabei. Eine riskante Entscheidung, denn die Fans wollen natürlich immer vor allem die alten Kracher hören. So nimmt die Masse Songs wie "Tamagotchi" und "Sohn der Leere" zwar freundlich, aber doch mit einer leichten inneren Distanz an. Eine Distanz, die sagt: Solange ihr am Schluss noch Westerland spielt, ist das alles OK. Aber dazu später mehr.
Die Stimmung steigt wieder mit dem "Waldspaziergang mit Folgen", dem Song über das Stück Holz und den Gott im Regal, den Farin und Bela mit Dieter-Bohlen-Kopfstimme singen. Über "Dein Vampyr" müssen viele grübeln: Welcher Song ist das denn? Er stammt vom 86er Album "Im Schatten der Ärzte". Die Kamelrallye stammt sogar vom Debütalbum "Debil" aus 1984. Darauf war auch der Monsterhit "Zu spät", die Hymne aller liebeskranken Teenies. Doch diesen Song sparen sie sich an diesem Abend in Trier - ebenso wie "Westerland". Viele wollen es nicht glauben, doch nach dem Psychogramm aller Faschisten in "Schrei nach Liebe" - du bist wirklich saudumm, darum geht\'s dir gut - ist tatsächlich Schluss. Kein Westerland. Eine Verbeugung, und das war\'s. Damit haben sich die Ärzte trotz eines starken Auftritts wohl keinen Gefallen getan.
Extra
Nur fünf Bands und Künstler haben seit der Eröffnung der Arena Trier 2003 bisher die Rekordzuschauerzahl 8000 erreicht. Die Ärzte (links, das Bild zeigt Bela B.) haben das sogar zweimal geschafft. Sowohl im Dezember 2007 als auch am Donnerstagabend spielten sie vor vollem Haus, Veranstalter Poppconcerts meldete 8000 verkaufte Karten. Die anderen Mitglieder im Club der 8000 (von links): Xavier Naidoo (2006), Michael Mittermeier, die Toten Hosen (beide 2008) und Unheilig (2010). jp

 

Empfehlungen

Kommentare