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Vom Mitmenschen zum Miet-Menschen

Wie geht es den Menschen in einer Zeit, in der zunehmend alles nach den Gesetzen der Ökonomie ausgerichtet wird? Ulf Schmidts Stück "Sich Gesellschaft leisten" gibt darauf eine düstere, sarkastische, bisweilen komische, unterm Strich sehr pessimistische Antwort.

09.06.2010
Von unserem Redakteur Dieter Lintz
Trier. Ist das die "schöne neue Welt"? Statt Partnerschaften gibt es nur noch Kundenbeziehungen, Freunde und Familie werden zu wechselseitigen Dienstleistern, Sex und Hausarbeit sind per Leistungsverzeichnis nach Punktsystemen abzurechnen. Jeder Mensch eine kleine Ich-AG, optimiert durch Berater und Coaches, gnadenlos egoistisch im Kampf um die eigene Existenzsicherung.
 
Kein Mitleid, nirgends. Beim Wort "Gefühl" geraten die Akteure ins Stottern. Emotionen sind per Kennziffer einzuordnen, wer sie nicht unter Kontrolle hat, landet in der Insolvenz. Partnerwechsel bei laufendem Vertrag geht nur mit Ablösesumme.
 

Bei Partnerwechsel wird Ablösesumme fällig


 
Abgerechnet wird bargeldlos und elektronisch, via Computer am Handgelenk. Am Puls der Dienstleistungsgesellschaft, sozusagen.
 
Unrealistisch? Übertrieben? Gemach. In Deutschlands Bordellen wird gerade die Flatrate eingeführt. Immer mehr Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter coachen. Und dann war da noch der FDP-Bundestagskandidat, der bei einer Podiumsdiskussion in Trier mit Blick auf Hartz IV-Empfänger beklagte, es gebe leider "zunehmend Leute, die nicht in der Lage sind, ihre Eigenrendite zu erwirtschaften".
 
Der Durchmarsch von Effizienz und Kosten-Nutzen-Rechnung von der Wirtschaft in alle Gesellschaftsbereiche ist längst in vollem Gange. Ulf Schmidt, studierter Philosoph und praktizierender Kreativdirektor einer internationalen Werbeagentur, spinnt sie in seinem Stück "Sich Gesellschaft leisten" nur konsequent ins Privatleben weiter. Der Mann weiß, wovon er redet, und er spielt virtuos mit dem modernen Business-Kauderwelsch. Aus Mitmenschen werden Miet-Menschen, und wer zu sehr auf andere angewiesen ist, muss Schulden machen, die die Gläubiger dann in Form von Schuldverschreibungen als Anlage-Objekt auf den Markt und in den Handel bringen.
 
Die Trierer Inszenierung von Judith Kriebel und Gerhard Weber beschreibt das Börsenparkett des Lebens als streng stilisierte Szenenfolge.
 

Wie Roboter auf einem imaginären Laufsteg


 
Die Darsteller marschieren in einem uniformen schwarzem Business-Outfit (Kostüme: Carola Vollath) für ihre Versuchsanordnung auf.
 
Bühnenbildnerin Susanne Weibler hat der alten Schlicker-Werkshalle zwischen Ehrang und Pfalzel mit einfachen, intelligenten Mitteln sechs elementare Schauplätze des Lebens im 21. Jahrhundert abgetrotzt: Die Wohnung, das Büro, die Cocktail-Bar, das Fitness-Studio, der Strand und das Bordell. Dazwischen bewegen sich die Akteure wie Roboter auf einem imaginären Catwalk.
 
Später, wenn die Handlung krasser wird und die Business-Pläne des eigenen Lebens scheitern, mehren sich auch die Ausbrüche. Die vom Autor vorgesehene Gliederung entlang der Level eines Computerspiels ist freilich kaum zu erkennen.
 
Kriebel und Weber meiden Überfrachtungen, und das ist angesichts des gewaltigen (und manchmal etwas gewollt gewaltsamen) Textes gut so. Das Stakkato der Dia- und Monologe ist eine Herausforderung für das Schauspiel-Ensemble, einem anspruchsvollen antiken Chor durchaus vergleichbar. Kompetent und engagiert, wie sich Paul Steinbach, Tim Stöneberg, Helge Gutbroth, Antje Härle, Barbara Ullmann, Sabine Brandauer, Vanessa Daun, Michael Ophelders und Jan Brunhoeber in den Dienst der Uraufführung stellen.
 
Ein bärenstarker, reichlich applaudierter Auftakt für das Festival "Maximierung Mensch", das heute Abend im großen Haus mit dem Gastspiel "Der Mann, der die Welt aß" aus Heidelberg weitergeht. "Sich Gesellschaft leisten" ist wieder am Samstagabend zu sehen. Kostenloser Bustransfer mit Werkseinführung um 20 Uhr am Theater. Infos:  www.maximierung-mensch.de