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"Was, bitte, ist Trier?"

TRIER. Vom Kirchenchor über das Radio zu den Opernhäusern der Welt führte die Karriere des Sängers Michael Rhodes. Heute feiert der Trierer Bariton mit den amerikanischen Wurzeln seinen 80. Geburtstag.

12.08.2003
Von unserem Mitarbeiter
MANUEL W. SCHMITT
Jahrzehnte lang hat der Bariton Michael Rhodes selbst Helden und Schurken auf der Bühne des Musiktheaters verkörpert. Als Gesangslehrer gibt der Amerikaner inzwischen an zahlreiche Schüler weiter, worauf es bei dieser Kunst ankommt.

Rhodes wurde am 13. August 1923 in Brooklyn/New York geboren - am selben Tag und im selben Krankenhaus übrigens wie Maria Callas. In einem Kirchenchor begann seine eigene musikalische Laufbahn. Bei Robert Weede und Giuseppe de Luca studierte er später Gesang. Eine weitere Lehrerin trieb die Karriere des jungen Mannes voran. Sie war mit dem Programmdirektor des Rundfunksenders NBC verheiratet. Der hörte Rhodes und gab ihm eine eigene Sendung: "Music for an hour" ("Musik für eine Stunde") startete 1948. Unter anderem mit Leonard Bernstein und Aaron Copland arbeitete der New Yorker von nun an zusammen.

Drei Jahre blieb Michael Rhodes beim Radio, bis es ihn nach Europa zog. 1951 engagierte ihn die Staatsoper Berlin, womit er zum ersten US-Sänger auf einer deutschen Opernbühne wurde. "Mit mir hat diese Krankheit angefangen", scherzt er. In Mailand, Paris und Barcelona feierte der Bariton ebenso Erfolge wie in Sydney oder Moskau. Unter den rund 125 Hauptrollen, die er in 35 Bühnenjahren sang, wurde "Falstaff" aus Verdis gleichnamiger Oper sein Lieblingspart.

An eine Panne im Züricher Opernhaus erinnert sich Rhodes besonders gut: In "Don Giovanni" sollte er durch eine Falltür im Bühnenboden verschwinden. "Es ist eine Szene, in der der Bösewicht von der Hölle verschlungen wird", erklärt er. Weil die Luke defekt war, stürzte Rhodes ins Nichts und konnte sich gerade noch an einem Balken festhalten. Intendant Aloys Zimmermann hörte die Hilferufe des Amerikaners und lief aus seiner Loge auf die Bühne. "Ich dachte schon, du übertreibst wieder", sagte Zimmermann, nachdem zwei Techniker den Sänger heraufgezogen hatten.

Mit Ehefrau Anna zog Michael Rhodes 1961 nach Trier, wo er bis heute wohnt. "Ich habe sie hier kennen gelernt", erzählt der Amerikaner, "nachdem mein Agent mich auf Trier aufmerksam gemacht hatte." Er habe zuvor noch nie etwas von der Stadt an der Mosel gehört, gesteht Rhodes. Seine erste, etwas irritierte Frage sei seinerzeit gewesen: "Was bitte ist Trier?"

"George Bernhard Shaw hatte Recht"

Doch rasch lernte Rhodes die Römerstadt kennen und lieben: "Mein Mann war aus New York noch immer an Winter, Kälte und Regen gewöhnt", erinnert sich Anna Foegen-Rhodes. "Und als er hierher kam, hatten wir einen sonnigen Frühling, so dass Michael sagte: ,Oh, Trier, das ist wunderbar; da will ich hin!‘"

Rhodes gehört heute zu den letzten noch lebenden Künstlern, die im alten Stadttheater im Richard-Korum-Haus aufgetreten sind. "Es war eine schöne Zeit", erinnert er sich mit einem Lächeln.

Auch mit 80 ist Michael Rhodes noch immer "in action" und hat meist einen vollen Terminkalender. Allerdings gehe nicht mehr alles so leicht wie früher, räumt der Sänger ein, während er sich in seinem Olewiger Wohnzimmer auf die Suche nach seiner Lesebrille macht. "Damit wird es immer komplizierter: Irgendwann braucht man nicht nur eine zum Lesen, sondern noch eine für die Ferne, eine zum Gehen, eine für Sonnenschein und eine für die Dunkelheit...", kommentiert Gattin Anna lachend. "George Bernhard Shaw hatte recht", stellt Michael Rhodes fest und zitiert den Briten: "Das Alter ist ein Schiffbruch."