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Wenn der Urgroßvater mit Gott abrechnen will

Tiefer Blick in die Familiengeschichte: Anne Weber erzählt im TV-Interview, was sie zu ihrem Buch "Ahnen" bewegt hat - Im Mai in Bitburg

(Bitburg) Die vielfach ausgezeichnete Autorin Anne Weber kommt im Mai zum Eifel-Literatur-Festival. Im Gepäck hat sie ein drucksvolles Werk, in dem sie der eigenen Familiengeschichte nachspürt, aber zugleich auch einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.

17.12.2015
Bitburg. Die Schriftstellerin Anne Weber lebt seit 1983 in Paris, übersetzt Literatur und schreibt selbst in Deutsch und Französisch. Zu ihren bekannten Titeln zählen etwa "Besuch bei Zerberus" oder "Luft und Liebe".

Eifel-Literatur-Festival 2016


In ihrem neuesten Werk "Ahnen" begibt sich die 51-jährige gebürtige Offenbacherin auf die Spuren ihres Urgroßvaters. Mit unserer Mitarbeiterin Anke Emmerling hat sie über diese spannende Recherche gesprochen.

Was war Anlass für Sie, sich mit Ihrem Urgroßvater Florens Christian Rang zu beschäftigen?
Anne Weber: Der Auslöser war die Entdeckung, dass sein verschollenes Hauptwerk "Abrechnung mit Gott" heißen sollte. Ist das nicht ungeheuerlich, einen Vorfahren zu haben, der nicht nur Walter Benjamin geduzt hat, sondern auch ganz ernsthaft mit Gott abrechnen wollte? Dass ich bei dieser Annäherung die zwischen uns liegenden Generationen nicht würde überspringen können, habe ich erst später gemerkt.


Welche Erwartungen hatten Sie an den Mann, den Sie "Sanderling" nennen?
Weber: Ich stellte mir einen hochintellektuellen, völlig vergeistigten Menschen vor. Ich ahnte nicht, dass ich einem leidenschaftlichen, zerrissenen, tief gläubigen Menschen begegnen würde.

Waren Sie - etwa als Sie auf Sanderlings Euthanasie-Gedanken gestoßen sind - von ihm enttäuscht? Und wenn ja, hat das Ihre Annäherung erschwert?
Weber: Enttäuschung ist nicht das richtige Wort. Ich habe viel mit ihm gehadert, war befremdet, manchmal abgestoßen. Aber ich habe nicht vorausgesehen, dass er mir am Ende noch derart imponieren würde.

Sie thematisieren im Buch auch die Nazi-Biografie Ihres Großvaters und Ihren inneren Kampf gegen die Last der Vergangenheit. Verspüren Sie ein unterschwelliges Schuldgefühl?
Weber: Nein. Ich denke, dass man sich nur schuldig fühlen kann für etwas, was man selbst begangen hat. Ich empfinde aber eine Bürde, die ich - zusammen mit vielen anderen Deutschen - zu tragen habe.
Sie leben in Frankreich, das einmal Erzfeind Deutschlands war, Sie haben jüdische Freunde. Ist Ihre deutsche Abstammung von Bedeutung in Ihrem Alltag?
Weber: Im Alltag sicher nicht. Trotzdem wird man, wenn man im Ausland lebt, regelmäßig an seine Herkunft erinnert. Man wird mit den Stereotypen konfrontiert, die die Franzosen mit den Deutschen verbinden, und die natürlich auch etwas mit der gemeinsamen Geschichte zu tun haben.

Haben Sie auch dieses Buch auf Deutsch und Französisch geschrieben?
Weber: Diese Praxis des zweisprachigen Schreibens hat sich bei mir von Anfang an durchgesetzt. Das Übersetzen ist einerseits leichter, weil man nicht vor einer weißen Seite sitzt. Es ist andererseits schwieriger, weil es immer auch ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Was bleibt nach dem Prozess, den Sie durchlaufen haben, Zufriedenheit oder der Eindruck von etwas Lückenhaftem, Unvollständigem?
Weber: Die Annäherung an einen in der Vergangenheit versunkenen Menschen kann nur lückenhaft sein. Wie könnte ein 100 Jahre vor mir Geborener keine Geheimnisse mehr bergen? Das Buch ist eine Reise in die Vergangenheit, bei der es kein Ankommen geben kann. ae
Anne Weber kommt mit ihrem Buch "Ahnen" am Dienstag, 24. Mai, zum Eifel-Literatur-Festival nach Bitburg.

Extra
In "Ahnen" begibt sich Anne Weber auf die Spuren ihres Urgroßvaters Florens Christian Rang (1864-1924). Er war Jurist, arbeitete in zwei Dörfern nahe Posen als evangelischer Pfarrer, betätigte sich als Schriftsteller und Philosoph. Weber spürt ihm über Schriften, Tagebücher und Briefe nach und stößt dabei auch auf Befremdliches. So erklärt der Urgroßvater beim Besuch in einer "Irrenanstalt", dass das Leben von Behinderten, "das nichts leisten kann", auszumerzen sei. Dieser Gedanke führt Weber unweigerlich zu den grausigen Taten der Nationalsozialisten und ihrem Großvater, der einer von ihnen war. Webers Buch zieht die Leser tief in einen Reflexionsprozess hinein. Ihre Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist zugleich die mit der Befindlichkeit als Nachfahrin und Deutsche. Intuitiv entwickelt und poetisch formuliert gibt diese Zeitreise wichtige Denkanstöße zur Bestimmung der eigenen Identität. ae Ahnen - Ein Zeitreisetagebuch, S. Fischer Verlag, 268 Seiten, Preis 19,99 Euro.
Extra
20 Autoren lesen beim Eifel-Literatur-Festival, die ersten 14 Veranstaltungen gibt es von April bis Juli. Der TV stellt die Autoren und ihre Werke in den nächsten Wochen vor (in unserer Gesamtübersicht ist der Name des jeweiligen Autors blau gefettet). A bedeutet ausverkauft. Nele Neuhaus, Freitag, 15. April, 20 Uhr, Stadthalle Bitburg (A) Pater Anselm Grün, ,"Was der Seele gut tut", Donnerstag, 21. April, 20 Uhr, Aula der ehemaligen Hauptschule in Prüm (A) Dora Heldt, Freitag, 29. April, 20 Uhr, Forum, Daun Felicitas Hoppe, Dienstag, 3. Mai, Haus Beda, 20 Uhr, Bitburg Horst Evers, "Alles außer irdisch", Mittwoch, 11. Mai, 20 Uhr, Aula, Hauptschule Prüm Jan Weiler, "Im Reich der Pubertiere", Freitag, 13. Mai, 20 Uhr, Stadthalle Bitburg Leslie Malton, "Brief an meine Schwester", Freitag, 20. Mai, 20 Uhr, Aula, Hauptschule Prüm Giulia Enders, "Darm mit Charme", Samstag, 21. Mai, 20 Uhr, Stadthalle Bitburg Anne Weber, Dienstag, 24. Mai, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg Manfred Lütz, Donnerstag, 2. Juni, 20 Uhr, Aula der ehemaligen Hauptschule Prüm Ulla Hahn, "Spiel der Zeit", Freitag, 3. Juni, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg Kirsten Boie, Freitag, 3. Juni, 10.30 Uhr, Aula St. Matthias-Gymnasium Gerolstein (A) Friedrich Christian Delius, Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, Haus Beda, Bitburg Max Moor , "Als Max noch Dietr war", Freitag, 8. Juli, 20 Uhr, Cusanus-Gymnasium, Wittlich Literaturherbst: Bereits ausverkauft sind Sebastian Fitzek (29. Oktober) und Anselm Grün (6. Oktober) Karten für alle Veranstaltungen gibt es im TV-Service-Center Trier, unter 0651/7199-996 und auf www.volksfreund.de/tickets

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