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"Wir tanzen, was wir nicht sagen können"

Tuchfabrik Trier feiert Inklusionstheaterfest vom 8. bis 17. November

(Trier) Menschen mit und ohne Behinderung aus aller Welt, die gemeinsam Theater machen: Diese Vision will das Winterfest Inklusionstheater für eine Woche Wirklichkeit werden lassen. In der Tuchfabrik Trier treffen vom 8. bis 17. November Performance-Künstler, Tänzer und Theatermacher mit den verschiedensten Hintergründen zusammen - darunter auch zwei junge Menschen, die einen weiten Weg hinter sich haben.

07.11.2014
Kathrin Schug
Trier. Vor drei Jahren war die Welt für Ranim und Maher noch in Ordnung: Sie war Tänzerin in einer international erfolgreichen syrischen Tanzkompanie, er besaß sein eigenes Tanzstudio in Damaskus. Als das Land im Bürgerkrieg versank, flüchteten sie zunächst in den benachbarten Libanon - bis die Situation auch dort unerträglich wurde und sie gemeinsam nach Deutschland kamen. Die beiden ausgebildeten Tänzer sind zwei von Millionen Syrern, die in den vergangenen drei Jahren ihre Heimat verlassen mussten. Jetzt leben sie in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Trier-Nord und machen, was sie am besten können: tanzen.
Es war ein Wink des Schicksals, dass sich ihre Wege mit denen der Trierer Tänzerin und Choreographin Hannah Ma kreuzten, die gerade dabei war, ein Tanzfestival in der Tuchfabrik zu organisieren - zum Thema Inklusion. Neben behinderten und nichtbehinderten Künstlern sind mit Ranim und Maher jetzt auch zwei Flüchtlinge mit im Boot und bringen mit ihrem Tanzstück eine weitere Perspektive ein. Für Organisatorin Hannah Ma ein Glücksfall: "Mir geht es darum, dass Kunst eine gesellschaftliche Relevanz hat, dass sie es möglich machen kann, Dinge anders zu sehen." Oder: andere Dinge zu sehen.
In einigen deutschen Städten experimentieren Stadttheater bereits damit, wie körperlich beeinträchtigte Schauspieler auf der Bühne präsent sein können: Der querschnittsgelähmte Samuel Koch fährt in Darmstadt im Rollstuhl über die Bühne, eine seiner Schauspielkolleginnen hat die Glasknochen-Krankheit. Eine Herausforderung nicht nur für eingespielte Abläufe eines Theaterbetriebs, sondern auch für die Sehgewohnheiten mancher Zuschauer.
Mit ihrer Idee, dem aktuell vieldiskutierten Inklusionstheater ein Festival zu widmen, hat die exzellent vernetzte Hannah Ma zahlreiche Mitstreiter gewinnen können und ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt (siehe Extra). Ranim und Maher, die beiden Tänzer aus Syrien, werden das Festival mit ihrer Choreographie "Marajel" beenden, die das komplexe Verhältnis von Männer- und Frauenbildern in der arabischen Welt behandelt. Im Moment sind all ihre Kräfte auf diesen Auftritt gerichtet.
"Der Tanz gibt uns eine Möglichkeit, das auszudrücken, worüber wir nicht sprechen können", sagt die 21-jährige Ranim. Wie es danach für die beiden weitergeht, ist noch offen: Der Asylantrag der beiden jungen Menschen wird derzeit geprüft.
Extra
Nach einem Wochenendworkshop zu Tanz, Klang und Stimme (8. und 9. November) beginnen die Vorstellungen am Montag: Das Trierer Ensemble Beweggrund präsentiert sich um 18 Uhr mit einem Kurzstück, um 18.20 Uhr stellen Alister Noblet und Ayumi Noblet mit "Kazu kun" die Frage danach, was "normal" ist. Um 18.40 Uhr laden alle Beteiligten zu einem Austausch über Inklusionstheater bei Imbiss und Getränken. Im Anschluss beschließt das Gastspiel "Tiere der Nacht" aus Kassel den Abend. Bis auf die letzte Vorstellung ist der Eintritt zu allen Veranstaltungen an diesem Abend frei. Für Sonntag, 16. November, steht ein offener DanceAbility-Workshop auf dem Programm (15 Euro, keine Vorkenntnisse nötig, Anmeldung per E-Mail: majahehlen@beweggrund.net). Am Montag, 17. November, endet das Festival mit dem Tanzstück "Marajel" (Beginn 19.30 Uhr) der beiden syrischen Tänzer Ranim al Malat und Maher Abdulmoty, begleitet von einer Dokumentation über ihre aktuelle Lebenssituation als Flüchtlinge. Der Eintritt ist hier ebenfalls frei, um einen Unkostenbeitrag von 7 Euro wird gebeten. ksch
Extra
Wenige Tage vor der Premiere ihres Tanzstücks beim Inklusionstheaterfestival in der Trierer Tuchfabrik müssen Ranim und Maher wegen ihres Asylantrags nach Mainz "umziehen". Die Kosten für die genehmigte Reise zum Theaterfest nach Trier, etwa 200 Euro, sind vom Festivalbudget nicht gedeckt. Der Verein Tufa Tanz bittet deshalb um Spenden auf das Konto: Tufa Tanz e.V., IBAN DE88 58550130 0000 5035 81, BIC TRISDE55XXX, Verwendungszweck: Ranim und Maher. ksch

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