Der Schriftsteller Martin Walser stellt in Wittlich den dritten Band seiner Tagebücher vor. Im Gespräch mit dem Volksfreund erklärt der 83-Jährige, warum er das tägliche Schreiben nicht lassen kann und erläutert sein schwieriges Verhältnis zum bekannten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.
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Wacher Geist hinter markanten Augenbrauen: Martin Walser. Foto: dpa
Wittlich. (jöl) Martin Walser zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Der heute 83-Jährige steht in einer Reihe mit Günter Grass und Siegfried Lenz. Beim Eifel-Literatur-Festival 2010, das vom Trierischen Volksfreund präsentiert wird, stellt er am 19. Mai in Wittlich den dritten Band seiner Tagebuchreihe ,,Leben und Schreiben" vor, der die Jahre 1974 bis 1978 umfasst. Mit Martin Walser sprach TV-Redakteur Jörg Lehn.
Herr Walser, haben Sie gestern Eintragungen in Ihrem Tagebuch vorgenommen?
Martin Walser: Gestern ja. Was ich genau notiert habe, möchte ich jetzt noch nicht öffentlich machen. Es wäre sonst an dieser Stelle zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen.
Schreiben Sie als Schriftsteller Tagebuch, weil Sie wissen, dass Ihr Journal publiziert wird?
Walser: Ich spreche in diesem Zusammenhang von der Unschuld der Tagebücher. Beim Aufschreiben meiner Notizen denke ich nicht an ihre Veröffentlichung. Ich muss schreiben, das ist eine Lebensart. Dazu zwei Beispiele: Im zweiten Band gibt es den Satz ,,Erzählen ist Singen mit geschlossenem Mund." Auch wenn ich diese Notiz später nicht mehr aufgegriffen habe, merke ich, dass sie ,,sitzt", ich mit ihr zufrieden sein kann. Die Begründung, dass sie veröffentlicht wird, brauche ich dann nicht. Genauso geht es mir mit der Eintragung ,,Ich bin öfter gestürzt als aufgestanden."
Können Sie abschätzen, wie viele Bände Ihres Tagebuchs noch erscheinen werden?
Walser: Dazu möchte ich nur ungern etwas sagen. Jeder Band wird schwieriger. Die Beschäftigung mit den jeweiligen Zeitgenossen wird größer, nimmt immer mehr zu. Außerdem werde ich nicht alles veröffentlichen, was ich angemerkt habe. Ich weiß schon, was nicht.
Der jüngste Band wird meines Erachtens eindeutig bestimmt von Ihrer ,,Auseinandersetzung" mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der 1976 Ihren damaligen Roman ,,Jenseits der Liebe" in der FAZ mit einer vernichtenden Kritik bedachte.
Walser: Ich kann verstehen, dass für Sie als Literaturkritiker diese Ereignisse im Vordergrund stehen. Nach meinem Empfinden stechen sie jedoch nicht so hervor, sondern sind eingebettet in andere Einträge zu Gastdozenturen in den USA oder Japan, zu Lesungen oder in Anmerkungen über persönliches Befinden, zu Verfilmungen, Textideen für künftige Werke, Gesprächen mit dem Verleger oder den gesellschaftlichen Ereignissen wie den RAF-Taten mit der Schleyer-Entführung etc.
Nur zwei Jahre nach dem ,,Jenseits der Liebe-Verriss" lobte Reich-Ranicki 1978 Ihre Novelle ,,Ein fliehendes Pferd" geradewegs über den grünen Klee. Doch auch dieses Lob stellte Sie nicht zufrieden. Warum?
Walser: Wegen seiner enormen Selbstüberschätzung. Er tat so, als wenn er mit seiner vorangegangenen negativen Kritik für meinen späteren Erfolg verantwortlich gewesen wäre.
Ansonsten beinhalten Ihre Aufzeichnungen emotionale Statements über Schriftstellerkollegen oder Bekannte. Trägt man da nicht persönliche Differenzen an die Öffentlichkeit, was besser unterblieben wäre?
Walser: Wichtig ist immer, wie Sie es sagen. Ich ändere Sätze nicht nachträglich. In Fällen, in denen mir etwas nahegeht, schreibe ich - ganz von selbst - in der dritten Person.
In den Tagebüchern erleben die Leser Ihre Familie zum Beispiel am Essenstisch, Ihre zankenden Töchter, die heute alle selbst künstlerisch tätig sind. Wie stehen die - und Ihre Frau Käthe - heute zu Ihren damaligen Einträgen?
Walser: Ich hätte das nicht veröffentlicht, wenn es eine von ihnen verletzen würde.
Fast zeitgleich mit dem dritten Tagebuch-Band, der bei Rowohlt erschienen ist, haben Sie bei Berlin University Press eine Novelle mit dem Titel ,,Mein Jenseits" publiziert. Weshalb plötzlich dieser überraschende Wechsel des Verlags?
Walser: Das darf man nicht überbewerten. Als Gottfried Honnefelder damals vom Suhrkamp-Verlag wegging (seit 2006 Herausgeber von Berlin University Press und seit Jahren Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Anm. d. Red.), habe ich ihm gesagt, dass wir mal wieder etwas zusammen machen werden. Das ist jetzt mit der Novelle ,Mein Jenseits' der Fall gewesen.
Wo wird Ihr kommender Roman ,,Muttersohn" erscheinen?
Walser: Bei Rowohlt, nehme ich doch an.
Termin: 19. Mai, 20 Uhr, Wittlich, im Cusanus-Gymnasium. Karten gibt es in den TV-Service-Centern in Trier, Wittlich und Bitburg.
Zur Person
Martin Walser (geb. 1927 in Wasserburg) hat den größten Teil seines Lebens am Bodensee verbracht und wohnt auch heute noch in Überlingen-Nussdorf. Seine literarischen Werke seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts sind stets realistische Beobachtungen aktueller menschlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse. Walser wechselt nach dem Tod von Suhrkamp-Herausgeber Unseld den Verlag und veröffentlicht seitdem bei Rowohlt. (jöl)
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