Von der Skandalnudel zur Rock ikone: Dieser Weg ist manchmal erstaunlich kurz. Sängerin Beth Ditto und ihre Band Gossip haben ihn in wenigen Jahren zurückgelegt. Ihr Auftritt in der Rockhal Esch zeigt, warum.
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Esch/Alzette. Begegnung im Foyer. "Oh, auch bei Patti Smith im Rockhal Club?", fragt ein alter Bekannter aus Trier. "Nö, im großen Saal bei Gossip." Ungläubiges Staunen. "Die mit der dicken Sängerin? Was willste denn da, das ist doch was für Teenies."
Der gute Mann ist an diesem Abend hoffnungslos in der Minderheit. Immerhin haben 3000 Besucher, die meisten zwischen 25 und 45, die dralle Beth der dürren Patti vorgezogen. Täuscht der Eindruck, oder ist der Anteil der Besucher mit einem Body-Mass-Index von 25 plus deutlich größer als bei normalen Konzerten? Bestimmt nur Einbildung.
Die junge Frau, die alsbald im körperbetonten, braun-beige gescheckten Kleid das Mikrofon in Beschlag nimmt, ist über das Stadium der Beschäftigung mit dem BMI offensichtlich schon länger hinaus. Da ist nach den Maßstäben des Popbusiness eh nichts mehr zu retten.
Und doch: Beth Dittos Auftritte sind längst keine Freakshows mehr - wie früher, als ihre Exzesse auf amerikanischen Hinterhofbühnen von wackligen Handykameras dokumentiert wurden. Gut, ab und zu wird noch gerülpst oder ein schlüpfriger Spruch abgelassen, und dass sie den Schweiß ihres Angesichts dauernd mit dem großzügig geschnittenen Ausschnitt ihres Kleides abwischt, wirkt zumindest anfangs etwas befremdlich. Aber die hervorquellenden Pfunde sind keine provokante Inszenierung schlechten Geschmacks, sondern unverkennbar Ausdruck selbstbewusster Körperlichkeit: "Schaut her, ich bin\'s. Und mir kann keiner was."
Keine Ballade zum Bierholen
Aber all das spielt eh keine Rolle mehr, wenn die Musik reinhaut. Und die geht vom ersten Ton an nur nach vorn. Keine einzige Ballade zum Bierholen. Retardierende Momente sind Gossips Sache nicht. Die Betriebstemperatur stimmt schon nach wenigen Sekunden. Beth Ditto wippt auf die Bühne, alles wippt an ihr, und dann wippt das ganze Publikum. "Love Long Distance" kracht in den Saal, "8th Wonder" gibt dem Rock-Affen Zucker. Die Dancefloor-Rhythmen von "Move in the Right Direction" muss man nicht mögen, aber mit "Listen Up" und "Melody Emergency" stimmt die Richtung wieder.
Auch musikalisch hat der Auftritt nicht mehr viel von Post-Punk und Underground. Das ist Mainstream, aber von der allerhochwertigsten Sorte. Keine Ahnung, mit wem man Beth Ditto schon alles verglichen hat, aber 2012 klingt sie am ehesten wie Tina Turner - nach Ritalin-Entzug.
Die Stimme ist alles andere als makellos schön, aber sie groovt, reibt sich, turnt, tanzt, selbst durch komplizierte Noten. Die Band (herausragend: Hannah Blilie als Drum-Motor) kann sich darauf beschränken, Ditto einen Teppich zu legen. Allerdings einen aus glühenden Kohlen, auf dem sie unermüdlich barfuß tanzt. Da braucht es keine große Show, keine Video-Leinwände - die kleine Frau mit der fransigen pechschwarzen Pony-Frisur macht das ganz allein.
Die Musik klingt straight, aber wer genauer hinhört, entdeckt etliche Zitate. Talking Heads "Psycho Killer", der Disco-Hit "Shame, Shame, Shame”, Nirvanas "Smells Like Teen Spirit”: Alles scheint kurz auf und wird spielerisch in die Gossip-Titel eingemixt. Neben der durchschlagenden Wucht, die in die Beine geht, gibt es also auch reichlich Futter für Musikfans mit Köpfchen.
Spaßbad in der Menge
Esch, 22.45 Uhr. Die Stimme hält. Jedenfalls besser als zuletzt auf dem Nürburgring. Das obligatorische Zugaben-Bad in der Menge wirkt im Spotlight der Smart phones immer noch nicht wie ein Pflichtprogramm.
Aus dem Saal heraus stimmt Beth Ditto "Heavy Cross" an, den musikalisch intelligentesten Pophit seit langem (Wer es nicht glaubt, soll dieser Tage mal hören, wie wenige von den tausend Coverbands auf den hundert Sommerfesten den Titel ordentlich rüberbringen - wenn sie sich überhaupt rantrauen). Sorry, Patti und Bruce: Dagegen klingt "Because the Night" leider ziemlich nach Pfadfinderlager.
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