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aus unserem Archiv vom 05. Oktober 2009
Autor: Von unserem Redakteur Dieter Lintz Drucken  E-Mail

In der Kürze liegt die Würze

Goethes kompletter "Faust", Teil 1 und 2, an einem Abend, in gerade mal vier Stunden: Was das Theater Trier da ab dem kommenden Wochenende vorhat, liegt irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Und Regisseur Matthias Gerth wagt die provokante Prognose, die Espresso-Version werde fürs Publikum verständlicher sein als ein "gewöhnlicher" Faust.

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Trier. Peter Stein brauchte in seiner legendären Expo-Inszenierung geschlagene 21 Stunden, um den ganzen Faust zu erzählen. Schwer im Trend liegt zurzeit auch die Aufteilung von "Faust I" auf zwei Abende, damit man wirklich alles, was Goethe einst dichtete, auf die Bühne bringen kann.
 
Trier geht den umgekehrten Weg. Ein Faust-Konzentrat soll es werden, kompakt, mit "großer Dynamik", wie Regisseur Matthias Gerth verspricht. Seit einem Jahr hat er gemeinsam mit Chef-Dramaturg Peter Oppermann daran gebastelt, überlegt, was man erzählen will und muss, was man weglassen kann und darf. "Irgendwann haben wir dann gemerkt: Es geht", erzählt der 52-Jährige bei einer Latte Macchiato im Trierer Lokal "Astarix". Dass ein zunehmend klassiker-unerfahrenes Publikum angesichts der Kürzungs-Notwendigkeiten den Überblick verlieren könnte, befürchtet Gerth nicht, im Gegenteil: Sein geraffter Faust werde "durchschaubarer und damit leichter verstehbar" als mit Goethes umfänglichen Verästelungen.
 
Den rasend schnellen Wechsel der Spielorte - allein im ersten Akt gibt es 18 verschiedene Schauplätze - will man mittels Video-Kunst bewältigen. Dafür hat man den Regisseur Ali Samadi Ahadi gewonnen, dessen Kult-Film "Salami Aleikum" im Sommer Furore machte. Seine Videos sollen aber keineswegs Bühnenbild-Ersatz sein, sondern als "eigenständiges Kunstwerk" das Innenleben der Figuren spiegeln. Außerdem will Gerth "die Bühnen-Maschinerie so richtig in Bewegung bringen", damit "das Publikum was erlebt bei unserer Aufführung".
 
Schwierige Bedingungen ist der designierte Krefelder Schauspielchef gewöhnt: Seit 20 Jahren hat er weltweit gearbeitet, auch in theater-exotischen Orten wie Sri Lanka oder Nigeria. Notfalls, so versicherte er kürzlich in einem Interview, könne er ein Stück "auch in einer Telefonzelle inszenieren".
 
Das geht freilich kaum ohne große Schauspieler. Das Duo Faust/Mephisto übernehmen in Trier der Gast Bruno Winzen und Michael Ophelders vom Ensemble. Intendant Weber kennt Winzen aus früheren gemeinsamen Tagen in Saarbrücken und hält ihn für eine "Idealbesetzung". Zwölf Wochen Probezeit hat man sich genehmigt, für ein Haus wie Trier ausgesprochener Luxus und ein Beweis für die Bedeutung, die das Haus dem "Faust" als Aushängeschild der "Deutschland-Spielzeit" einräumt.
 
Die Frage, ob Goethes Meisterwerk nicht inzwischen ein Fall fürs Schauspiel-Museum sein könnte, erntet bei Matthias Gerth heftigen Widerspruch. Faust sei "der Prototyp des modernen Menschen", Goethe ein Prophet, der "schon damals gerochen hat, was auf die Gesellschaft zukommt, wenn es so weitergeht". Dafür brauche man keine vordergründige Aktualisierung. "Bei uns", verspricht Gerth, "gibt es kein Wort auf der Bühne, das nicht von Goethe ist". Und trotz aller notwendigen Raffung halte man sich "exakt an Goethes Parcours".
 
Premiere am 10. Oktober, nächste Vorstellungen am 18., 27., 30. Oktober, 4., 6., 15., 21., 28. November.
 
Alles über Faust
 
Die Stadtbibliothek im Palais Walderdorff bietet zu "Faust", aber auch vielen anderen Produktionen der Spielzeit umfassende Materialien. Unterschiedliche Textausgaben, Versionen für Kinder, Hörbücher, CD-Roms, Kommentare können ausgeliehen werden. Informationen: 0651/718-2423.

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