Autor: Von unserem Redakteur Dieter LintzOrt:DruckenE-Mail
Liebe in Zeiten des Krieges
206 Jahre alt musste das Trierer Theater werden, bevor zum ersten Mal eine Oper von Jean-Philippe Rameau aufgeführt wurde. Das Trier-Debüt des französischen Barock-Komponisten geriet nicht nur zu einem wunderschönen Opern-Abend, sondern auch zu einer imponierenden Dokumentation der Leistungsfähigkeit des Hauses.
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Eingezwängt zwischen strengem Vater (Laszlo Lukacs, links) und unerwünschtem Ehemann in spe (Andreas Scheel): Die Königstochter Iphise (Adréana Kraschewski). TV-Foto: Friedemann Vetter
Trier. Junge Königstochter liebt jungen Mann, der sich als Anführer der Feinde ihres Vaters herausstellt. Letzterer wiederum will sie mit seinem Heerführer verheiraten. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung, was sich aber erübrigt, weil die Götter eingreifen und ihrem gefangenen Geliebten, einem Sohn Jupiters, den Sieg über ein böses Ungeheuer und damit letztlich auch die Hand der Heißbegehrten schenken.Der Barock-Oper mit ihrer sagen-haften, aber wenig realistischen Handlung kann man auf zwei Weisen zu Leibe rücken: Indem man ein turbulentes Spektakel daraus macht, was womöglich den Unterhaltungswert erhört, aber zu Lasten der Musik geht. Oder durch Minimalisierung, durch Konzentration. Regisseur Wolf Widder und sein Bühnenbildner Michael Goden entscheiden sich für eine strenge, konsequente Stilisierung . Eine kühle Säulenhalle als Hintergrund, die Szenen-Wechsel durch kleine Accessoires angedeutet. Schwarze Stühle für den Venus-Palast, wo das Vorspiel ein (für Nicht-Kenner schwer zu verstehendes) "Theater im Theater" zeigt. Verstreute Kleider-Bündel für das Schlachtfeld, Kerzen für den Tempel des Zauberers Ismenor, gespannte Tücher für Dardanus' Gefängnis. Vieles macht das tolle Licht - wenn etwa in der Szene von Dardanus' Befreiung vor leuchtend roter Kulisse mit faszinierendem Spiel von Licht und Schatten und einem zauberhaften Zusammenwirken von Orchester, Chor und Solisten Barock-Theater vom Feinsten zelebriert wird. Drastisch in der Optik sind nur die punkig gewandeten "bösen Geister" vom Ballett (Kostüme: Eva-Maria Weber), denen Sven Grützmachers Choreografie gewöhnungsbedürftige moderne Tanztheater-Posen verordnet. Wolf Widder arbeitet sorgfältig und mit Geschick für große Gestik, die aber stets gemessen bleibt. Die Charaktere der Handelnden sind plausibel ausgearbeitet und lassen doch Raum für des Betrachters Fantasie, ebenso wie die allenfalls angedeuteten Naturkatastrophen und Monster. Die Ungeheuer sitzen im Kopf, die Helden sind nur Getriebene, Spielbälle der Götter - und ihrer eigenen Projektionen. Eine gelungene Inszenierung, die zum Saison-Highlight wird durch eine außergewöhnliche musikalische Leistung. Barock-Oper ist eine Sache für Spezialisten, und es gibt in Deutschland nicht viele kleine Häuser, die einen Rameau komplett aus dem eigenen Haus besetzen können. Das beginnt mit einer kompakten, intelligenten Orchester-Leistung. Franz Brochhagen lässt seine - nach Barock-Art auf hochgefahrenem Graben musizierenden - Philharmoniker mit flotten Tempi starten, dirigiert Rameau schwungvoll und leicht, ohne Bedeutungshuberei, aber auch ohne statische Starre. Brochhagens Cembalo und Jörg Sonnenscheins Cello-Continuo stellen sich ganz in den Dienst der Sänger. Der Chor (Leiter: Jens Bingert) verdient sich an diesem Abend das Adjektiv "brillant", für seine prägnanten Einsätze, für seine mutige, zupackende Lesart, die so wirkt, als sei man im Barock zu Hause.Das Protagonisten-Trio muss sich vor der Besetzung großer Häuser nicht verstecken. Adréana Kraschewski ist eine berührende, ihre musikalischen Bögen bildschön aussingende Iphise, die emotionale Tiefe in ihre Rolle legt, ohne das Gleichmaß und die Zurückhaltung des Barock-Stils zu gefährden. Evelyn Czeslas Venus ist, der Rolle entsprechend, das Gegenbild: Eine mit technischer Finesse brillierende Strippenzieherin, souverän auch in komplizierten Koloraturen - eine Barock-Sängerin von Format. Eric Rieger darf mit der Titelrolle endlich wieder eine Partie singen, die seine Fähigkeiten in der hohen Lage schön zur Geltung bringt - so hat er einst in Rossinis "Italienerin" begonnen, und so möchte man ihn öfter sehen.Viel versprechend das künftige Ensemble-Mitglied Pavel Czekala (Ismenor), ein kultivierter, beweglicher Bass mit großer darstellerischer Präsenz. Wie überhaupt alle Akteure ihre Rollen überzeugend und engagiert verkörpern, auch wenn sie - wie Andreas Scheel und Laszlo Lukacs - hörbar keine Barock-Stilisten sind. In weiteren Rollen: Eva-Maria Günschmann, Thomas Schobert, Leander Ullmann. Am Ende ausgiebiger, herzlicher Beifall im nicht voll besetzten Haus. Wer sich diese Oper entgehen lässt, ist selber schuld. UMfrageBernd Liesenfeld: Es hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die Sängerin Adréana Kraschewski war super. Die Kostüme fand ich mies. Unterm Strich: Positiv. Doris Meyer: Der Anfang hat mir überhaupt nicht gefallen, aber dann gab es eine wesentliche Steigerung. Das Orchester war wunderbar. Peter Spang: Die Musik war sehr schön. Die Sänger waren sehr gut, vor allem Adréana Kraschewski. Karlheinz Scheurer: Eigentlich erwartet man bei einer Barockoper Akteure in gepuderten Perücken. Es war sehr schön inszeniert. TV-Umfrage: Hans Krämer.
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