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aus unserem Archiv vom 29. Dezember 2009
Autor: Von unserem Redakteur Dieter LintzOrt: Drucken  E-Mail

Sie tanzten nur einen Herbst

Erst Anfang September startete mit dem "Karussell am Zuckerberg" ein hoffnungsvolles neues Kulturprojekt in Trier. Die Resonanz war riesig, aber zu Silvester werden Kneipe, Ausstellungs- und Theatersaal in der ehemaligen Druckerei schon wieder geschlossen. Kein guter Tag für die Kulturlandschaft der Region.

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Trier. Fast wirkt es, als liefe ein Film rückwärts: Die selben Leute, die vor gerade mal 20 Wochen die Stühle, Tische, Sitzbänke, Theken oder Kühlschränke in die alten Räume der Druckerei Sonnenburg in der Nähe des City-Parkhauses geschleppt haben, tragen nun alles wieder raus. In private Keller oder übergangsweise gemietete Garagen. Zeugnisse eines Traums, der sich nicht hat realisieren lassen. 

Ein neuartiger Kulturtreff sollte das Karussell werden, privat betrieben, Heimstatt freier Theaterarbeit, Kristallisationspunkt für junge Kulturmacher, Anlaufstelle für ein vor allem, aber nicht allein studentisch orientiertes Publikum, das in Trier "sein" Angebot bislang nicht gefunden hat.

Das Tragische am Ende des "Karussells" ist, dass dieses Konzept eigentlich rundherum aufgegangen ist. "Traumhaft" sei die Publikumsresonanz gewesen, resümiert Mit-Initiatorin Kathrin Schug. Nicht nur beim fast täglichen Programmangebot, sondern auch bei der Nutzung von Café und Ausstellungsräumen als Kommunikationsfläche.

Die Trierer Kulturmacher entdeckten die neue Spiel-Option schnell für sich: Im Karussell trafen Tufa-Theatergruppen, Poetry Slammer, Solisten und Individualisten, freie Theatermacher auf externe Künstler. Eigenproduktionen, Festivals, kleine Reihen: Da begann sich rasch eine eigene "Szene" zu entwickeln.

Die Finanzen, von vielen Beobachtern als Haupt-Risikofaktor der Neugründung eingestuft, entpuppten sich trotz beachtlicher Miet-Verpflichtungen als lösbares Problem. "Mit einem Kneipen-Betrieb bis in den späten Abend hinein hätten wir angesichts des großen Zuspruchs alles finanzieren können", sagt Regisseur Roman Schmitz. 

Doch genau da lag der Pferdefuß: Das Karussell liegt mitten in einem Wohngebiet, und viele Nachbarn mochten die ständige Lärmbelästigung nicht mehr hinnehmen. Doch eine vom Ordnungsamt ins Gespräch gebrachte Beschränkung des Betriebes bis 22 Uhr schien den Betreibern nicht machbar. So zog man die Option, den Mietvertrag nicht über die viermonatige "Probephase" hinaus zu verlängern. Ohne Groll auf die Anwohner, für deren Proteste man "sehr viel Verständnis" (Roman Schmitz) hat.

Zudem ist man ehrlich genug, zuzugeben, dass man das Ende des Karussells auch mit einer gewissen Erleichterung quittiert. "Wir sind schon ein bisschen froh, dass wir die Verantwortung und den Verwaltungsaufwand los sind", räumt der Schauspieler Immanuel Bartz ein. Die organisatorischen Aufgaben hätten "immer weniger Platz für unsere künstlerischen Ambitionen gelassen". Roman Schmitz ergänzt: "Wir wollen keine Gastronomen sein".

So sehen die Macher denn das Aus mit einem lachenden und einem weinenden Auge, und die Stimmung in den zunehmend leerer werdenden Räumen am Zuckerberg wirkt keineswegs depressiv. "Wir kommen wieder", ist die einhellige Meinung. Vielleicht etwas kleiner, vielleicht mit temporären Lösungen. Man werde davon profitieren, "dass sich der Karussell e.V. von einer losen Theatertruppe zu einem stabilen Verein entwickelt hat", gibt sich Kathrin Schug überzeugt.

Die Tufa kommt als Standort nicht infrage

In einem ist man sich sicher: Die Trierer Tufa, eigentlich als Spielraum für Initiativen wie Karussell gedacht, kommt als Standort nicht infrage. "Wir haben keine Probleme mit der Einrichtung, aber in diesem Umfeld könnten wir unsere Vorstellungen nicht realisieren", glaubt Immanuel Bartz. Da will man lieber nach einer neuen Spielstätte suchen. 

Meinung

Kurz, aber lohnenswert

Von Dieter Lintz

Das Karussell-Experiment hat trotz seiner Kürze zwei Dinge bewiesen: Erstens, dass es in Trier und Umgebung einen beachtlichen Bedarf gibt für neue Kultur-Formen. Und zweitens, dass man entsprechenden Zuspruch gewinnen kann, wenn es gelingt, eine Spielstätte in der Szene zu verankern und als Kommunikations-Raum zu etablieren. Das jüngere Publikum will keineswegs, wie gerne behauptet wird, nur Feten. Aber es lässt sich kaum in Institutionen locken, die schon vom Ambiente her Omas Kultur repräsentieren, wie das Theater. Oder Papas, wie die Tufa. Nun hält sich aber die Stadt für nicht wenig Geld einen Apparat wie die Tuchfabrik, deren Aufgabe eigentlich mal war, engagierten Gestaltern wie den Karussell-Leuten, aber auch den Slammern und anderen Innovativen, die Luft zum Atmen und den Freiraum zur künstlerischen Entwicklung zu verschaffen. Wenn die da nun gar nicht mehr reinwollen, ist etwas mächtig schiefgelaufen. Und die Frage kann nicht sein, wie die jungen Kulturmacher sein müssen, damit sie in die Tufa passen. Sondern wie die Tufa sich - notfalls auch radikal - ändern muss, damit sich die junge Szene wieder dort ansiedeln will. d.lintz@volksfreund.de




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