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aus unserem Archiv vom 05. Juli 2012
Autor: Dieter Lintz Kommentare: Kommentare zeigen Ort: Brüssel Drucken  E-Mail

Verdis Troubadour in der dritten Dimension

Das amtierende "Opernhaus des Jahres" in Mitteleuropa liegt gerade mal zweieinhalb Autostunden von Trier entfernt. Das Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel begeistert gerade mit einer herausragenden Produktion des "Troubadour" von Giuseppe Verdi.

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Brüssel. Das Publikum auf der Place de la Monnaie ist bunt gemischt. Gegenüber dem Eingang des Opernhauses löst eine spontane Hip-Hop-Vorführung die nächste ab. Viele junge Leute, mal im Ghostbuster-T-Shirt, mal im Abiball-Kleidchen, mal im Parka, viele mit großen Plastikwasserflaschen. Es sieht aus wie vor einem Popkonzert. Aber als die auch auf dem Marktplatz gut hörbare Klingel ins Theater ruft, machen sich plötzlich alle auf den Weg ins Haus. Sogar die drei Jungs mit den herunterhängenden Baggy Pants.
Es ist ein ungewohntes Gefühl, als 53-Jähriger in einem Opernhaus zu den Älteren zu gehören. Zumal bei einem Opern-Schlachtschiff wie Verdis "Trovatore". Aber dem Brüsseler Intendanten Peter de Caluwe ist offenbar das Theaterwunder gelungen, neues Publikum zu gewinnen, das alte nicht zu vergraulen und gleichzeitig die streng über die Qualität wachende Kritik zu begeistern.
Das ist genau das, wovon viele seiner Kollegen behaupten, dass es nicht geht. Und hier stehen die Leute nicht nur bei Verdi in der Hoffnung auf zurückgegebene Karten an der Abendkasse, sondern auch bei sperrigen Werken zeitgenössischer Komponisten.
Der "Troubadour" zeigt beispielhaft, wie Brüssel funktioniert. Das Haus garantiert ungewöhnliche Regie-Blickwinkel, meidet aber billige Provokationen. Besetzt wird mit Sängern, bei denen nicht der Faktor Prominenz die entscheidende Rolle spielt, sondern die Fähigkeit, Partien stimmlich angemessen und darstellerisch engagiert zu gestalten. Und für musikalische Qualität garantieren handverlesene Spitzendirigenten, die aber auch bereit sind, intensiv mit dem Ensemble und dem Orchester zu arbeiten.

Ungewöhnlicher Blickwinkel


Für den ungewöhnlichen Blickwinkel sorgt beim "Trovatore" der russische Regie-Wunderknabe Dmitri Tcherniakow, der von Novosibirsk aus die europäische Opernszene in den vergangenen Jahren aufgemischt hat wie kein Zweiter. Dem alten, etwas unübersichtlichen Schauerdrama vom Troubadour Manrico, der in Wirklichkeit Sohn eines Grafen ist, hat Tcherniakow den Rahmen eines Psycho-Kammerspiels verpasst. All die verschrobenen Irrungen und Wirrungen, die jede "realistische" Inszenierung zum Scheitern verurteilen, sind bei ihm Rückblicke in einer Art Psychoanalyse. Die fünf Hauptakteure treffen sich Jahre nach dem gruseligen Geschehen im Wohnzimmer einer alten Villa - von einem mysteriösen Brief herbeigelockt wie die Figuren in Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein". Genial lässt die Regie Realität und Erinnerung ineinanderfließen, hebt die Grenzen auf zwischen den Ebenen - bis sich am Ende die klaustrophobische Atmosphäre im Tod fast aller Beteiligten entlädt.
Das ist hochkonzentriertes Theater, gespielt und gesungen von einer Sängerriege, aus der niemand herausragt, weil alle herausragend sind: die prägnante Azucena von Sylvie Brunet-Grupposo, der fulminant aufspielende Scott Hendricks (Graf Luna), die intensiv singende Marina Poplavskaya (Leonora), der kraftvolle, aber nicht herumprotzende Misha Dydik (Manrico) und der enorm bühnenpräsente Giovanni Furlanetto (Ferrando). Am Pult beweist Marc Minkowski, dass er nicht nur zur Weltelite der Barock-Spezialisten gehört, sondern auch einen satten, süffigen Verdi dirigieren kann.
Eine Vorstellung gibt es heute noch, danach ist die Produktion eine Zeit lang auch als Stream im Internet zu sehen. Infos: www.lamonnaie.be




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