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Karl-Marx-Haus wird umgebaut (Fotos)

(Trier) Das Museum im Geburtshaus des Philosophen wird renoviert und mit einer neuen Ausstellung versehen. Bis dahin bleibt die Pforte zu. Dossier zum Thema: Karl Marx 2018

17.09.2017
Stefanie Braun
Es ist ein schönes Häuschen. Der Eingang ein bisschen verwinkelt, auf eine künstliche Weise verbaut. Die Zimmer haben eine angenehme Größe, die Fenster sorgen in dem 1727 erbauten Haus für genügend Licht. Böden und Treppen sind auf eine charmante Weise altbelassen. Es ist ein freundliches, helles Haus. Mit einem friedfertigen Innenhof, der von Balustraden, Topfgeranien und Fachwerk-Elementen umsäumt ist, und einem als Park angelegten Garten. Und von überall schaut einem dieses strenge Gesicht mit seinem sprichwörtlich steinernen Blick entgegen. 

Es ist Karl Marx‘ Geburtshaus.

Das historische Gebäude, das sich in der Brückenstraße in eine Reihe mit Pizzeria und Boutique, schmiegt, in dem Triers berühmtester Sohn am 5. Mai 1818 zur Welt kam. Und bereits eineinhalb Jahre später wieder auszog. In dem Haus, in dem Marx seine nächsten 17 Lebensjahre verbrachte, ist heute ein Ein-Euro-Shop, in dem gemieteten Haus, in dem er zur Welt kam, steht ein Museum. Hier kann man einiges über den ehemaligen Bewohner erfahren, über sein Werk, seine Freundschaft zu Engels, seine Einflüsse auf die Welt. 

Zumindest konnte man es bis Samstag. Seit dem vergangenen Wochenende hat das Museum Karl Marx-Haus seine Pforten geschlossen, um sich bereit zu machen für das Jubiläumsjahr zu Marx‘ 200. Geburtstag. „Etwa alle zehn Jahre wird es Zeit, eine Ausstellung zu erneuern,“ sagt Ann-Katrin Thomm, die Kuratorin der neuen Dauerausstellung.

Sie auf den neuesten Stand zu bringen, und auszurichten auf das, was aktuell und modern sei, gestalterisch wie konzeptionell und inhaltlich. Im Beisein von dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der hinter dem Museum stehenden Friedrich-Ebert-Stiftung, Kurt Beck, und dem Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz, Salvatore Barbaro, wurde die alte Dauerausstellung, die 2005 eröffnet worden war, am Samstag verabschiedet. Und im selben Atemzug ein Blick auf die neue geworfen; im Besonderen auf eins der neuen Exponate.

Der Entwurf eines Briefes, den Marx so vielleicht an den Franzosen Adolphe Quest geschrieben hatte. Die Reinschrift des mit krakeliger Handschrift beschriebenen und immer wieder korrigierten Briefs ist nicht erhalten. Das vergilbte Papier stammt von Nachfahren Marx aus Frankreich und zeichnet das Bild eines wütenden Mannes, der dem staatlich eingesetzten Verwalter des Verlagshauses, in dem Marx die französische Übersetzung seines Lebenswerkes „Das Kapital“ veröffentlichen wollte, mit Schadensersatzklagen und Gerichtsverhandlungen droht. 

Vordergründig ein Aufbegehren gegen die damaligen politischen Repressionen gegen Sozialisten in Frankreich, so Thomm, doch auf den zweiten Blick schwinge noch mehr in dem gesalzenen Schrieb mit: „Es geht hier um sein Lebenswerk, das Karl Marx erneut bedroht sieht“, sagt die Kuratorin. Da schwinge jede Menge Bitterkeit mit, auch Wut und Frust. 

Ein frustrierter Philosoph, ein verbitterter Schriftsteller, ein wütender Wissenschaftler? Wie war die Person Karl Marx überhaupt? Hinter dem steinernen Gesichtsausdruck und dem rauschenden Bart steckte ein „Ironiker, ein Zyniker“, so Thomm, ein hochreflektierter Vielschreiber, aber auch ein Wissenschaftler, der seinen eigenen Ansprüchen nicht genügte und sich während seiner jahrzehntelangen Arbeit oft verzettelte. „Marx verschwindet oft hinter dem, was aus ihm gemacht wurde. Sein unvollendetes Werk lässt Räume, in denen jeder finden kann, was für ihn relevant ist“, so Thomm, aber die Person selbst sei vielschichtiger. 

Mit der neuen Ausstellung wolle man sich der Person Karl Marx und ihrem Wirken auf eine neue Art näher. Während die alte Konzeption sehr chronologisch gewesen sei, solle die neue nun klarer strukturiert sein und vor allem das Geburtshaus als Objekt mehr in den Vordergrund rücken. Generell will die neue Ausstellung einiges an Zeit aufholen und auch die neuzeitlichen Auswirkungen von Marx’ Thesen und Werken auf die Weltgeschichte beleuchten. Eine besondere Herausforderung bleibe jedoch die Spanne zwischen der Internationalität des Publikums auf der einen Seite und die Ansprache der Trierer und Besucher aus der Region, die auch in der neuen Konzeption bedacht werden müsse. 

 Salvatore Barbaro hat als Vorsitzender des Aufsichtsrates der Karl-Marx-Ausstellungsgesellschaft die neu konzipierte Ausstellung bereits gesehen und sich schon einen Höhepunkt ausgesucht: Die visuelle Darstellung des Wirtschaftskreislaufs werde wohl lange in Erinnerung bleiben, spekuliert er.

Karl Marx werden an sein Geburtshaus wohl keine Erinnerungen geblieben sein. Zu jung war er in den Monaten dort. In London und Paris lebte er 40 Jahre im Exil. „Karl Marx war in Europa bekannt, teils verehrt oder gefürchtet“, sagt Thomm, „doch gleichzeitig war er in seinem Londoner Exil abgeschnitten von den Entwicklungen in den nationalen und internationa len Arbeiterbewegungen.“ Er starb am 14. März 1883, gezeichnet vom Leben als Staatenloser.

Das Land Rheinland-Pfalz fördert die Renovierung des Hauses und die neue Ausstellung mit insgesamt 350.000 Euro.