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Das Große unter den Kleinen

Vor fünf Jahrzehnten wurde es als Heimstatt der Avantgarde im beschaulichen Luxemburg gegründet, vor 15 Jahren erhielt das Kasemattentheater von der Stadt einen eigenen Standort – und nun ist aus dem Provisorium ein auch äußerlich respektables Haus geworden.
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Der Begriff „alternativ“ traf bislang nicht nur auf das Programm, sondern auch auf den Schauplatz zu. „Es gab nicht einmal eine Dusche“, erzählt Theaterchef Germain Wagner im Rückblick. Wie lange die kleine, weitgehend ehrenamtlich arbeitende Truppe vom Kasemattentheater für eine Renovierung gekämpft hat, kann er nicht mehr genau sagen.

Fest steht aber: Es ist geschafft. Der Saal Tun Deutsch – der Name erinnert an den früh verstorbenen Theatergründer – strahlt in neuem Look. Im Eingangsbereich gibt es eine schmucke Bar, die Technik wurde ausgelagert, so dass im Spielraum mehr Platz entstand. Alles ist variabel, kann dem Bedarf des jeweiligen Stücks angepasst werden.

Nach einem halben Jahr Umbauzeit sind die Akteure nun wieder an ihren gewohnten Platz zurückgekehrt – nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Gleich nebenan steht die Banannefabrik, wo die freie Tanzszene ihren Platz gefunden hat. Man teilt sich Büroräume, auch andere freie Gruppen haben sich hier angesiedelt. Wenn es gut läuft, könnte sich dieses nicht eben repräsentative Viertel zum Herzstück einer Luxemburger Off-Szene entwickeln. Wobei „Off“ beim Kasemattentheater nur bedingt zutrifft, kooperiert man doch intensiv mit den „Großen“. Die kleine, aber feine Crew professioneller luxemburgischer Theaterleute wechselt fliegend zwischen den verschiedenen Häusern.

Germain Wagner ist selbst das beste Beispiel. Im November hat er „Blaubart“ im Kapuzinertheater gespielt, im Januar steht „Woyzeck“ im Grand Théâtre auf seiner Agenda, im Mai Brecht im Nationaltheater, im Juni der „Kontrabass“ im Kasemattentheater, dessen Programmgestaltung er sich mit seinem Kollegen Marc Limpach teilt. Darüber hinaus ist der 56-Jährige bestens im deutschen Fernsehgeschäft, als profilierter Nebenrollen-Spezialist vom Tatort bis zum aktuellen Hannah-Arendt-Kinofilm.

In den kommenden Monaten dürfte er dafür freilich nicht viel Zeit haben. Bis Ende April bringt das Kasemattentheater fünf Produktionen an den Start:

Am 22. Januar ist die szenische Lesung „Geld, mon amour“ zu sehen, mit einem Feuerwerk literarischer Texte zum Thema Nr. 1 im Zeitalter der Gier. Oder steht doch etwas anderes an erster Stelle? Am 29. Januar stellen Cembalo-Exzentriker Witthart Malik und die Schauspielerin Julia Malik – beide in Trier keine Unbekannten – unter dem Titel „Wohltemperierte Wollust“ eine Kombination von Bach und erotischer Lyrik vor. Ab dem 5. März ist „Oh the Humanity“, ein Stück des Amerikanes Will Eno, in der Regie von Anne Simon zu sehen.

Eine exzellente Gelegenheit, das Kasemattentheater kennenzulernen, bietet sich ab dem 12. April. Dann spielen Steve Karier und die in Trier aufgewachsene Schauspielerin Fabienne Elaine Hollwege Theo van Goghs legendäres „Interview“, Regie führt Filmregisseur Pol Cruchten. Noch keinen genauen Termin gibt es für André Jung und sein von Jossi Wieler in Szene gesetztes und bei den Salzburger Festspielen gefeiertes Beckett-Stück: „Krapps letztes Band“. DiL

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