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aus unserem Archiv vom 05. Februar 2010
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"Ich bin kein Mensch aus Eisen"

Er war einst heroinabhängig und kriminell. Doch er schaffte es, aus der Sucht herauszukommen und zum Weltklasse-Sportler zu werden: Andreas Niedrig. Heute hält er Vorträge vor Jugendlichen, Managern und Häftlingen. Am Dienstag kommt Andreas Niedrig ins Wittlicher Gefängnis.

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Wittlich. (mai) Andreas Niedrig ist ein quirliger Gesprächpartner. TV-Redakteurin Marion Maier sprach mit ihm über Parallelen zwischen Sucht und Gefängnis und Rückfallgefahr.
 

 
Was wollen Sie den Gefangenen in Wittlich vermitteln?
 
Niedrig: Ich möchte ihnen zwei Stunden das Gefühl geben, dass sie normale Menschen sind und dass da jemand ist, der sie versteht und ihnen die Hand reicht. Ich möchte versuchen, so ehrlich wie möglich mit ihnen umzugehen. Ich kann meine Geschichte gut nutzen, um aufzuzeigen, wie schwer es sein wird, nach der Zeit im Gefängnis wieder Fuß zu fassen. Aber vor allem, dass es trotz aller Schwierigkeiten ein positives Danach geben kann.
 

 
Sie sehen den Neuanfang nach dem Knast analog zu ihrem Neuanfang nach der Drogenzeit?
 
Niedrig: Das kann man nicht so übertragen, jeder hat seine eigene Geschichte. Dennoch ist es so, dass die Schwierigkeiten ähnlich sind. Ich hatte damals recht viel Glück. Ich hatte vier Jahre Gefängnis offen, aber es ist nicht zu einer Anklage gekommen. Ich kam in Therapie und hatte danach viele Schwierigkeiten. Stellen Sie sich vor, zu Ihnen kommt jemand mit dieser Lebensgeschichte: Hauptschulabschluss, Durchschnitt 4,5, viele Sachen angefangen, alles abgebrochen, vier Jahre Gefängnis offen, nach 14 Monaten als nicht therapierbar aus der Therapie entlassen. Ich musste versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass ich etwas ändern will. Um den Punkt geht es: Ein negatives Vorurteil kriege ich nie mehr wieder weg. Die Häftlinge haben nur eine Chance: an sich zu glauben und diesen Glauben zu transportieren.
 

 
Was hat Ihnen geholfen, aus der Sucht rauszukommen?
 
Niedrig: In der Therapie hatte ich die Möglichkeit, zu erfahren, warum ich so geworden bin, wie ich bin. Das ist wichtig, aber das bringt mich in meiner Zukunft nicht weiter. Irgendwann muss ich den Punkt erwischen, an dem ich sage, gut das war's, aber wie geht es weiter? Das sind meine Seiten, die nicht so stark sind, die mich dahin gebracht haben, wo ich damals stand, in die Abhängigkeit. Aber jetzt muss ich nach vorne schauen. Wo sind die Stärken, die mich draußen überleben lassen, die mir so ein positives Lebensgefühl geben, dass ich Spaß am Leben habe? So ist es auch im Gefängnis. Bei den Jungs im Knast sind - wie auch bei mir damals - zu 99 Prozent immer alle anderen Schuld an der eigenen Situation. Die Erkenntnis, dass jeder selbst für das, was er tut, verantwortlich ist, ist ganz wichtig. Dann ist es wichtig zu erkennen, wo habe ich meine Stärken, um draußen klarzukommen.
 

 
War ein Rückfall für Sie je ein Thema?
 
Niedrig: Nein, überhaupt nicht. Obwohl ich da auch immer vorsichtig bin. Ich bin nicht mehr oder weniger gefährdet, zu Suchtmitteln zu greifen als jeder andere, wenn er einen schweren Schicksalsschlag erleidet und sich keine Hilfe holt. Sucht heißt ja Suche, man sucht etwas, um ein Loch zu füllen, was einen in die Sucht hineingetrieben hat. Das sind Probleme, Persönlichkeitsstörungen. Ich habe meine Probleme so wie jeder andere auch. Ich bin auch nicht immer total motiviert, um Sport zu treiben. Aber wenn es mir nicht gut geht, suche ich mir Hilfe - bei Freunden, meiner Familie. Das habe ich als süchtiger Mensch niemals getan. Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Geschichte direkt helfen kann, ich kann aber Menschen zeigen, dass es keine Schande ist, zu seinen Problemen zu stehen. Ich bin kein Ironman, ein Mensch aus Eisen, das wäre schrecklich. Ich bin ein Mensch, der ganz viele Gefühle und Bedürfnisse hat, die er aber heute mit allen Möglichkeiten auslebt.
 

 
Sie haben ein Buch und einen Film über ihr Leben veröffentlicht und viele Interviews gegeben. Nervt Sie die eigene Geschichte auch an?
 
Niedrig: Ich habe gelernt, meine Geschichte zu akzeptieren. Über sie bekomme ich den Bogen, um über die Zukunft zu sprechen. Wenn einer von Zukunft und Motivation erzählt, der hat es immer schwer. Aber wenn ich Schülern und auch Erwachsenen erzähle, wie ich mich als Jugendlicher gefühlt habe, dass ich auch ganz viel wollte vom Leben, aber nicht wusste, wie ich es erreichen kann, dann habe ich meine Zuhörer bei mir. Mir geht es um die Zukunft, um die Dinge, die ich verändern kann. Heute geht es mir persönlich sehr gut und ich glaube, allen Menschen, denen es gut geht, sollte man vermitteln, dass sie eine gesellschaftliche Verantwortung haben, anderen, denen es nicht so gut geht, mal die Hand zu reichen.Zur Person Mit dem Buch "Vom Junkie zum Ironman" und dem Kino-Film "Lauf um dein Leben" hat Andreas Niedrig seine Vergangenheit als Heroinabhängiger und den Weg aus der Sucht öffentlich gemacht. Der heute 42-Jährige wurde 1993 zum Hochleistungssportler. Als Triathlet schaffte er es in die Weltspitze und belegte weltweit Top-Platzierungen bei Ironman-Rennen. Seit 2006 hält er Vorträge zu Suchtprävention und Motivation. Sein Ziel: eine Stiftung und ein Zentrum für Workshops mit Jugendlichen. Internet:  www.andreas-niedrig.com. (mai)



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