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Ürziger sammelt Erinnerungsstücke an Torjäger Edmund Conen – Ziel ist Museum

(Ürzig) Edmund Conen war eine der größten Sport-Berühmtheiten von der Mosel: Der Ürziger Patrick Schenk (53) engagiert sich seit Jahren für ein Museum, das dem 1990 gestorbenen Fußball-Nationalspieler gewidmet sein soll. Er bewahrt Erinnerungen an den Spieler zu Hause auf. In einem Schuhkarton.

09.03.2016
Von Stefanie Braun
Die Glanzzeit ist lange vorbei. Einst waren drei Adelsgeschlechter in Ürzig ansässig, drei Burgen wuchsen aus dem alten Moseldörfchen zwischen den Weinbergen empor. Raubritter machten aus der Umgebung ein gefährliches Pflaster. Geblieben ist von diesen Zeiten nur die Sonnenuhr am Hang eines Berges. „Es gab nur eine Handvoll bedeutender Ürziger“, meint Patrick Schenk, der selbst aus dem Moselort stammt. Einer von ihnen war Edmund Conen, Fußball-Nationalspieler. Ihm möchte Schenk ein Museum widmen. Seit zwei Jahren arbeitet er daran. Patrick Schenk – 2,05 Meter groß, ehemaliger Basketballer in einer französischen Mannschaft, früher Weinhändler, heute in der Chemiebranche tätig – sitzt am Esstisch in seinem Elternhaus. Vor ihm steht ein Karton, bis zum Rand gefüllt mit vergilbten Seiten und ausgeschnittenen Artikeln. Er breitet die Papiere auf dem Tisch in der dunklen Stube aus.

Patrick Schenk sammelt das Leben eines anderen: das von Edmund Conen. Am 10. November 2014 wäre Conen 100 Jahre alt geworden. Für Schenk eine Gelegenheit, um dem berühmtesten Kind des Dorfes eine Ausstellung zu widmen, er machte den Vorschlag im Gemeinderat. Dort hieß es, dass man nichts hätte, um ein Museum zu füllen. Also suchte Schenk. Er schrieb Conens ehemalige Vereine an, ersteigerte Dinge im Internet, nahm Kontakt zu Edmund Conens Sohn auf. Schließlich hatte er einiges zusammen: Vereinsbücher, alte Zeitungsartikel, Schulzeugnisse, ein Fotoalbum der Fußball-WM 1934 und ein Buch, das Conen selbst geschrieben hat. Die Trauerkarte und zwei Geburtstagskarten an Conen waren auch noch dabei, eine von Fritz Walter und eine von Franz Beckenbauer, meint Schenk.

Die Lebensdaten von Conen sprudeln aus ihm heraus: 1934 war der 19-Jährige das erste Mal bei der Fußball-Weltmeisterschaft dabei. Im Spiel gegen Belgien war er es, der das Spiel mit dem ersten Hattrick der Geschichte herumriss und das Spiel 5:2 für Deutschland entschied. Insgesamt vier Tore erzielte er bei der WM. Der dritte Platz war gesichert. Danach kannte jeder in Deutschland Conens Namen. Auch wenn die Popularität von Fußball noch lange nicht den Status von heute erreicht hatte und auch die WM-Spiele nicht im Fernsehen übertragen wurden, sondern nur im Radio. Einer der ersten Sterne am Fußballhimmel war aufgegangen. Ein Stern mit bescheidenen Anfängen: „Man darf sich Fußball nicht wie heute vorstellen: Es wurde nicht in so organisierten Vereinen wie heute gespielt. Die Jungs haben sich am Moselufer getroffen, ein Feld markiert, mit einem Ball gespielt, der aus alten Lederlappen zusammengenäht war. Die Noppen unter den Fußballschuhen waren sprichwörtlich noch in die Sohlen genagelt.“

Conen war ein Kind von der Mosel, aus demselben Ort, in dem auch Schenk seine Wurzeln hat. Seinen ersten großen Auftritt hatte Conen bei einem Spiel des SV Ürzig gegen Koblenz 1927, damals war er 13 Jahre alt. In der Halbzeitpause fragte er, ob er nicht auch mal mitspielen könne.

Der kleine, schmale Teenager

Die Mitspieler werden gezweifelt haben, ob es der Junge durchhalten würde, die Gegenspieler könnten gelacht haben, als der schmale, kleine Teenager aufs Feld gelaufen kam. Fünf Tore machte er. Danach dürfte keiner mehr gelacht haben. Ürzig fuhr mit einem 6:1-Sieg nach Hause. Und Conen zog kurz darauf mit seinen Eltern und seinen Geschwistern nach Saarbrücken.
Es müsse ein großer Schritt für ihn gewesen sein, meint Schenk. In Conens Buch findet Schenk immer wieder Rückbesinnungen auf seine Zeit in Ürzig, seine Heimat. Ein Angebot von Real Madrid nach einem Gastspiel in Saarbrücken hat er abgelehnt, obwohl ihm eine damals unvorstellbar hohe Summe im sechsstelligen Bereich angeboten worden war. „Aber er war kein Typ dafür, er war zu heimatverbunden“, sagt Schenk. Für ein paar Jahre hatte Conen vom Fußball Abstand genommen, eine Cardiophobie, die Überzeugung, dass man unter einer schweren Herzkrankheit leidet, ließ ihn pausieren. Schenk liest aus den Passagen in Conens Buch, die davon handeln, etwas viel Moderneres heraus: „Heute würde man sagen, er hatte ein Burn-Out. Er war einfach überrollt von den ganzen Ereignissen, er war überfordert. Immerhin war er ein Junge aus einem kleinen Moseldorf, er hatte gerade mal die Volksschule besucht. Er war doch nur ein Kerl, der gerne Fußball spielt.“ Und auf einmal kamen die Weltmeisterschaft und der Ruhm, die Augen der Öffentlichkeit und der Leistungsdruck. Die aktive Karriere endete, Conen machte als Trainer weiter. Auch hierzu findet Schenk etwas in dem Buch mit rotem Einband und Conen-Porträt: „Er hatte jedes Spiel analysiert und verstanden, aber er war einfach zu nett als Trainer.“ Trainer müssen schleifen können und treten, sagt Schenk. Aber treten konnte Conen nur Bälle.

Schenk blättert die dünnen Zwischenseiten eines alten Fotoalbums vorsichtig um. Man sieht kleine Schwarz-Weiß-Impressionen von Italien, auf der ersten Seite ein Foto einer Mannschaft vor einem Tourbus. Es ist Conens Lohn für seinen WM-Einsatz 1934. Ein Fotoalbum als Erinnerung und 50 Reichsmark. Von einer der gegnerischen Mannschaften gab es als Geschenk eine Kiste Zitronen.

Schenk räumt die Papiere auf dem elterlichen Esstisch wieder zusammen. Zu der Einrichtung eines Museums ist es nie gekommen. Conens Sohn hat die Andenken noch nicht zurückgefordert, er habe immer noch die stille Hoffnung, dass sein Vater wieder einen kleinen Platz in seinem Heimatdorf bekommt. Zumindest der Weg zum Sportplatz ist nach Conen benannt. „Wir verlieren den Bezug zu unserer Region“, sagt Schenk. Heimat sei nicht mehr aktuell, und die Region verliere zusehends an Identität. Er erinnert sich an seine Zeit in Frankreich. Am Wochenende hatte er Basketball gespielt, in der Woche in Ürzig gewohnt. In Frankreich waren seine Freunde geradezu vernarrt in den Moselwein gewesen, hier kaufe jeder Vierte seinen Wein beim Discounter. Bis heute hält Schenk Kontakt zu seinen Freunden aus Basketballtagen. In seinem Buch schrieb ‚Ed‘, wie Schenk ihn nennt, dass es das Schönste an seinem Beruf war, so viele Menschen kennengelernt zu haben. „Heute wollen im Sport alle nur erfolgreich sein. Aber was ist denn Erfolg? Eine Meisterschaft gewonnen zu haben oder Freunde?“

Edmund Conen spielte ab 1928 für den FV Saarbrücken und war 1934 bei der WM in Italien. Zwischen 1934 und 1942 brachte er es auf 28 Länderspiele und erzielte dabei 27 Tore. Von 1950 bis 1973 war Conen als Trainer tätig, unter anderem für Bayer Leverkusen und Eintracht Braunschweig. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er im Bahnausbesserungswerk Opladen. Er starb im März 1990. 

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