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Zähes Ringen am und um Bahnübergang - Reiler Winzer protestieren gegen Schließungspläne der Bahn

(Reil) Die Bahn will bundesweit einige Übergänge an ihren Strecken auflösen. Auch Reil ist betroffen. Winzer sehen sich in ihrer Arbeit beschnitten und wehren sich. Die Entscheidung fällt aber nicht vor Ort - Sondern beim Eisenbahnbundesamt.

03.03.2016
Clemens Beckmann
Schon beim Anblick kann einem schwindelig werden: Ein Teil der Weinhänge im Reiler Mullay-Hofberg weist eine Neigung von mehr als 65 Prozent auf. Auf einigen felsigen Terrassen stehen nur wenige Stöcke. Das alleine sagt nichts über die Qualität aus. Auf jeden Fall stimmen aber die Voraussetzungen, um hier die Rieslinge produzieren zu können, für die die Mosel berühmt ist. Weil die Arbeit hier unter erschwerten Bedingungen abläuft, sind die steilen Lagen Teil des Förderprogramms "Historische Weinbaulandschaften". Unter Federführung des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum ist es entstanden. Ein Satz aus der Ausarbeitung zeigt die Bedeutung: "Die historische Weinbaulandschaft ist in großer Gefahr, weil den extrem hohen Bewirtschaftungskosten nur geringe Erträge gegenüberstehen."

Da liegt ein Schluss nahe. Die Arbeit der Winzer sollte, wenn nicht schon erleichtert, zumindest doch nicht erschwert werden. Gerade das befürchten aber die etwa zehn Winzer, die im Herzstück der Lage Flächen bearbeiten. Ihr nächster Anfahrtsweg zu dem Gelände führt über einen unbeschrankten Bahnübergang an der eingleisigen Strecke Traben-Trarbach -Bullay. Und genau der steht, wie viele andere in der Republik, auf der Streichliste der DB Netzagentur.Fällt er weg, müssten die Reiler Winzer erst einmal an der gesamten Weinlage vorbeifahren, um dann über den nächsten Bahnübergang auf den Wirtschaftsweg einzubiegen und zum Teil wieder mehrere hundert Meter zurückzufahren.

"Das ist ein Umweg von mehr als einem Kilometer", sagt Erich Nalbach, der gerade seine Reben schneidet. Wenige Minuten später ist er nicht mehr alleine. Weitere Winzer und Ortsbürgermeister Artur Greis diskutieren mit Vertretern der DB Netze über das Thema.

Was für die Winzer noch schlimmer wäre: Durch den Wegfall würde auch die Möglichkeit fehlen, die Traktoren und Maschinen zu wenden. Gerade das würde den Teil mit den besonders steilen Lagen betreffen, da der Wirtschaftsweg vor einem Felsen endet. Er müsse sowieso immer ein Stück rückwärtsfahren, sagt Winzer Edgar Henrichs. Bis zum übernächsten Übergang sei das aber nicht möglich.

Der Umweg koste Zeit und Geld, sagt Thorsten Melsheimer, der die größte Fläche bewirtschaftet. Tenor aller Betroffenen: Wir haben uns gut mit der derzeitigen Situation arrangiert, auch wenn die Maschinen immer größer werden. Das solle die Bahn bitteschön akzeptieren.
Warum will die Bahn den unbeschrankten Übergang überhaupt streichen? "Wir wollen potenzielle Unfallquellen reduzieren", sagt Frank Schüler, Leiter Regionalnetz Eife-Rhein-Mosel und Westerwald. Die Strecke ist allerdings nicht gerade stark befahren. Alle halbe Stunde kommt ein Zug vorbei. Er ist von Weitem zu sehen und zu hören. Als die Winzer inbrünstig aber höflich auf die Bedeutung des Übergangs hinweisen, will Schüler unter anderem wissen, welche Maschinen eingesetzt werden. Außerdem läuft er mit den Winzern die gesamte Strecke zwischen den beiden Übergängen ab. Doch Schüler hält sich bedeckt. "Die Entscheidung trifft das Eisenbahnbundesamt", sagt er.
Meinung
Vielleicht siegt der Menschenverstand

Von Clemens Beckmann

Es ist den betroffenen Winzern anzumerken: Innerlich kochen sie. Doch sie halten sich mit bösen Worten zurück, weil sie wissen, dass genau das gegen sie ausschlagen würde. Die Bahn will Übergänge streichen, um Kosten zu sparen. Daraus machen ihre Vertreter kein Geheimnis. Wo sich keiner dagegen stellt, wird das vom Schreibtisch aus entschieden. Die Reiler wehren sich, und es kommt wenigstens zu einem Ortstermin. Nach wenigen Minuten müssten den Bahnvertretern eigentlich klar sein, welche Bedeutung dieser Übergang für die Winzer hat. Doch sie ziehen sich darauf zurück, dass sie nur Argumente sammeln. Die Entscheidung treffe das Eisenbahnbundesamt. Ob da jemand etwas von der Bedeutung des Weinbaus und der Kulturlandschaft weiß? Vielleicht siegt ja doch der Menschenverstand.

c.beckmann@volksfreund.de
HISTORISCHE WEINBAULANDSCHAFTEN
Dazu gehören im Weinanbaugebiet Mosel 30 Lagen mit einer Gesamtgröße von 340 Hektar. Die Abgrenzung solcher Flächen sei enorm wichtig, um Fördermittel, sei es von der EU, vom Land oder vom Bund, zu beantragen, heißt es in dem im Jahr 2015 vorgestellten Programm. Voraussetzung sind eine Größe von mindestens drei Hektar und eine Hangneigung von mindestens 45 Prozent. In diesen Lagen müssen die Trauben von Hand gelesen werden. cb
 

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