region/rlp

Gewerkschaften: Helme und Waffen reichen bei Terror nicht

(Ingelheim (dpa)) Knapp ein Jahr nach dem Terrorangriff auf einen Berliner Weihnachtsmarkt hat die Polizei aufgerüstet. Die Sicherheit ist auch Thema einer Tagung des BKA. Die Gewerkschaften meinen: Neben besserer Ausstattung muss es auch um die Psyche der Polizisten gehen.

14.11.2017

Kugelsichere Helme und gepanzerte Streifenwagen reichen nach Ansicht der beiden großen Polizeigewerkschaften nicht aus, damit die Sicherheitskräfte bei Anschlägen gut reagieren können. Wichtig seien regelmäßige Terrortrainings, bei denen das Vorgehen unter Beschuss geübt werde, sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow, vor der Jahrestagung des Bundeskriminalamts (BKA) in Ingelheim.

Malchows Gegenüber bei der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, ergänzte: «In voller Montur unterwegs sein und sofort auf den Täter einwirken ? das ist für Polizisten ungewöhnlich. Sie sind eher darauf trainiert, eine Lage stabil zu halten und Spezialkräfte heranzuführen.» Heute aber werde auch von Streifenpolizisten verlangt, einen Terroristen, der das Kriegshandwerk erlernt habe und schwer bewaffnet sei, zu töten. Sie könnten nicht nur Absperrungen aufstellen, wenn drinnen Menschen erschossen würden.

Rund 500 Experten wollen auf der BKA-Tagung am Mittwoch und Donnerstag unter dem Thema «Polizei im Umbruch» über die Aufgaben und Herausforderungen der Sicherheitskräfte beraten. Erwartet werden neben BKA-Präsident Holger Münch und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) auch Beiträge von Juristen, Unternehmern und Wissenschaftlern. Darunter sind Landespolizeipräsidenten, der stellvertretende Direktor von Europol, Wil van Gemert, und Vertreter aus den Niederlanden, Italien und Großbritannien.

Laut Malchow brauchen Polizisten auch eine psychologische Betreuung, um bei einer Schießerei das Gefühl zu behalten, wieder heil rauskommen zu können. «Polizisten müssen sich jetzt viel intensiver mit dem eigenen Tod auseinandersetzen.» Außerdem könne es für sie häufiger nötig werden, jemanden zu töten. «Eigentlich sind Polizisten darauf trainiert, Arme und Beine zu treffen, also jemanden flucht- und angriffsunfähig zu machen.»

Wendt ist der Meinung, dass viel mehr Fortbildung und Training vonnöten wäre, als derzeit angeboten wird. Das scheitere nicht am politischen Willen, sondern am Personalbestand. «Es reicht nicht, wenn man einmal im Jahr an eine Schulung teilnimmt, sondern man muss ein ständiges Gefühl für die Bedrohungslage haben, damit man in einer Einsatzsituation nicht überrascht wird.»

Die Gewerkschaftsvorsitzenden bescheinigen den Innenministerien von Bund und Ländern, bei der Beschaffung der Ausrüstung auf dem richtigen Weg zu sein. Viele Polizisten hätten nun schusssichere Helme, Schutzschilde, Schutzwesten mit besonderer Schutzklasse, Gewehre und gepanzerte Fahrzeuge. Das sei keine Reaktion auf den ersten Terroranschlag in Deutschland vor knapp einem Jahr. Viele Länder hätten bereits nach den Anschlägen in Frankreich mit der Beschaffung neuer Ausrüstung begonnen.

Allerdings stünde nicht ausreichend Geld zur Verfügung, sagte Malchow. Allein ein gepanzertes Fahrzeuge koste eine Million Euro - und bei der Polizei gebe es ohnehin einen riesigen Investitionsstau. Deswegen erfolge die Ausstattung mit neuer Ausrüstung in den Ländern unterschiedlich schnell. «Das dauert alles, bis das umgesetzt ist.»

Wendt bemängelt, dass die Bundesländer bei der Beschaffung alle ihr eigenes Süppchen kochten. «Das weiß jeder Hausmann und jede Hausfrau, dass Sammelbestellungen sinnvoll sind.» Stattdessen mache jedes Land eigene Trageversuche, eigene Ausschreibungen, eigene Bestellungen. «Das liegt an den provinziellen Eigenheiten der Länder.»