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Der Präsident zu Gast in der Region Trier - Eindrücke einer Reise

(Bitburg/Wittlich/Trier) Großer Bahnhof, große Worte, großes Interesse für die Region: Bundespräsident Joachim Gauck hat am Mittwoch Bitburg, Wittlich und Trier besucht. Trotz des aktuellen Wirbels um seine Russland-Schelte konzentrierte er sich ganz auf die Menschen, die ihm unterwegs begegnen. Eindrücke einer Reise.

03.09.2014
Bernd Wientjes und Katharina Hammermann




Bitburg. Während Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebenspartnerin Daniela Schadt hoch oben in der Luft ihre Gurte anlegen, um sich auf die Landung in Spangdahlem vorzubereiten, herrscht unten in Bitburg scheinbar der Ausnahmezustand. Vor dem Europäischen Berufsbildungswerk (Euro-BBW) kontrollieren zig Polizisten die Eingänge. Drinnen in den lichtdurchfluteten Fluren sirrt es vor Leben. Schüler, Lehrer, Frauen in roten Schürzen, Landtagsabgeordnete, Bürgermeister und Landrat, Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes, Wirtschaftsbosse, ein paar Dutzend Journalisten und all die anderen sind erwartungsvoll gespannt. Denn der Bundespräsident kommt. 

Trotz des Trubels wirken die Sicherheitskräfte ebenso routiniert wie gut gelaunt. „Wir kennen das ja alles schon“, sagt ein Polizist und lacht. Stimmt. Bitburg ist bei Bundespräsidenten beliebt. Seit 2010 bekam die Bierstadt drei Mal Besuch. Und zwar von drei verschiedenen Bundespräsidenten. „Das ist ihnen offenbar nicht so gut bekommen“, scherzt Theo Scholtes, Personalchef der Bitburger Braugruppe. Denn nur wenige Monate nach ihren Stippvisiten legten Horst Köhler und Christian Wulff ihre Ämter nieder. „Wenn er jetzt auch in drei Wochen zurücktritt, haben wir einen Fluch in Bitburg, den Bu-Prä-Fluch“, flüstert der Pressesprecher der Stadt, kurz bevor Joachim Gauck in Begleitung von Ministerpräsidentin Malu Dreyer, ihrem Mann, dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen, und Daniela Schadt den Raum betritt und darum bittet, alle persönlich begrüßen zu dürfen. 

Dass draußen in der Medienlandschaft die Schlagzeilen über seine Russland-Schelte nicht abreißen (siehe Text unten), scheint das Staatsoberhaupt nicht zu jucken. Er wirkt voll und ganz im Hier und Jetzt, schenkt seine Aufmerksamkeit den Rednern, die erklären, wie das Euro-BBW geistig und körperlich behinderte junge Menschen in 20 verschiedenen Berufen ausbildet, und vor allem schenkt er sie den Auszubildenden selbst. Und zwar am liebsten, ohne dass Journalisten zuhören. 

Wittlich. Spezialtraktoren für die Arbeit im Weinberg, Abfüllmaschinen und Hortensien säumen den roten Teppich, den die Firma Clemens Technologies für das deutsche Staatsoberhaupt ausgerollt hat. „Herr Bundespräsident, Sie machen uns froh und stolz“, sagt Firmenchef Bernd Clemens, dessen Betrieb ausgewählt wurde, weil er seit Jahren über den Eigenbedarf ausbildet, mit dem Programm „Go West“ junge Menschen aus Ostdeutschland, Polen und Tschechien nach Wittlich holt und zu Facharbeitern macht. Nachdem er sich, wie zuvor in Bitburg, ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat, machen die Auszubildenden Gauck ein Geschenk, das dieser mehr als nur originell findet: eine selbst gefertigte Metallskulptur, die dreidimensional die Tonspur des Wortes Freiheit abbildet. „Sie haben Ihr Leben der Freiheit gewidmet. Möge diese Skulptur Sie in Ihrem Einsatz für die Freiheit bestärken“, sagt ein junger Mann in einem extra für diesen Tag gedrehten Video, woraufhin der 
sichtbar gerührte Gauck gegen das eng getaktete Protokoll des Tages verstößt und spontan eine Rede hält. „Ja, das ist Deutschland. Das ist das, was unser Land starkgemacht hat“, sagt er und fordert dazu auf, an die Jugend zu glauben. Ihm gefalle der Integrationsgedanke des Betriebs und ihm gefalle es, „wenn Menschen sich über das hinaus engagieren, was Aufgabe eines Produktionsbetriebs ist – dieses Miteinander“. Auch in diesem Betrieb nimmt er sich Zeit – ungestört und unbelauscht – mit der Jugend zu reden, ehe es weitergeht nach Trier. 

Trier. Georgios Tsanis ist nervös. Seit Tagen hat der Betriebsleiter der Trierer Jugendherberge zusammen mit seinem Team den Besuch des Bundespräsidenten vorbereitet. „Hoffentlich haben wir nichts vergessen“, fragt er sich. Jetzt wäre es eh zu spät. Gerade biegt die Kolonne des Bundespräsidenten in den Hof der Jugendherberge ein. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihrem Ehemann, dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen, winkt er den auf der Wiese sitzenden Gästen und dem vor der Herberge versammeltem Personal zu. Die Ersten, die dem Staatsoberhaupt die Hand schütteln, sind Simon, 6, und Hannah, 2. Die Kinder von Jacob Geditz, dem Chef des Jugendherbergswerks Rheinland-Pfalz/Saarland. Gauck nimmt sich viel Zeit, mit dem in Reih und Glied und in blauen T-Shirts gekleideten Personal zu reden. Nicht ohne Grund steht die Jugendherberge auf dem Besuchsprogramm. Sieben der 35 Mitarbeiter haben ein Handicap, würden vermutlich in anderen Betrieben keinen Job finden. Herbergsleiter Tsanis hat sich bewusst für sie entschieden. Er gibt ihnen einen Chance und macht die Jugendherberge damit zu einem Vorzeigeunternehmen für die Inklusion von Behinderten. 

Gauck redet auch mit Besuchern der Herberge. Wie etwa der Familie Quathamer aus dem niedersächsischen Westerstede. Die Vier machen hier Urlaub, sind eine halbe Stunde vor dem hohen Besuch angesprochen worden, ob sie mit Gauck reden möchten. „Das ist schon was Besonderes“, sagt Thomas Quathamer und freut sich auf die Begegnung mit dem Staatsoberhaupt. 

Auch für Manuel Beh ist dieser Tag etwas Besonderes. Als Chef der Schülerzeitung Humburg des Trierer Humboldt-Gymnasiums hat er es geschafft, eine Akkreditierung für den Gauck-Besuch zu bekommen. Zusammen mit den Dutzenden von Pressevertretern ist er nun ganz nah dabei, wenn der Bundespräsident vor der Porta Nigra in die Mikrofone der Journalisten spricht. „Der ist ganz sympathisch, gar nicht abgehoben“, sagt Beh, der nach den Ferien in die zwölfte Klasse kommt. Dass er nicht abgehoben ist, das zeigt Gauck vor der Porta. Ein Bundespräsident ohne Berührungsangst. Breitwillig lässt er sich mit den Leuten fotografieren, schüttelt unzählige Hände. Später beim Bürgerempfang im Landesmuseum wird er sagen, die Leute glaubten, der Bundespräsident sei gewählt worden, um sich mit den Menschen fotografieren zu lassen. Doch Gauck und seiner Lebensgefährtin macht das Bad in der Menge sichtlich Spaß. So gibt er dem achtjährigen Gabriel Duhr aus Trier ein Autogramm, geht auf die im Rollstuhl sitzende Triererin Johanna Warscheid zu, schüttelt ihr die Hand, Schadt und Gauck unterhalten sich lange mit ihr. Johanna Warscheid ist begeistert. „Der ist richtig leutselig.“ Ein Bundespräsident zum Anfassen. 

Gauck fühlt sich wohl. Er sei heute in einem „schönen Stück Rheinland-Pfalz“, sagt er. Und es sei „ein wunderschöner Tag.“.
Und der geht dann am Abend mit einem Besuch im Landesmuseum zu Ende. Über eine Stunde lässt er sich durch das Museum führen, schaut sich die Ausstellung ein Traum von Rom an und wirft einen Blick auf den Goldschatz. Doch diese glänzenden Münzen hätten ihn weniger begeistert, als die Begegnung mit den Menschen, den wahren Schätzen des Landes, sagt Gauck bei seiner Abschlussrede vor gut 200 geladenen Gästen im Museum. Stellenweise erinnert seine frei gehaltene Rede an eine Predigt. Seine Vergangenheit als Pastor kann der 74-Jährige eben nicht leugnen. Wenn er etwa von der „gesegneten Region Deutschlands spricht“. Das erfüllt Ministerpräsidentin Malu Dreyer sichtlich mit Stolz. „Unser Land muss man mögen“, sagt sie augenzwinkernd und spricht von einem Land der Herzlichkeit. Zum Schluss trägt Gauck sich noch ins Goldene Buch der Stadt ein, bevor er dann am Abend vom Flugplatz in Spangdahlem wieder zurück nach Berlin fliegt. 
 
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