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Die Rebellen leben ihren amerikanischen Traum

Donald Trump hier, Bernie Sanders da: Die Präsidentschaftsanwärter dominieren die Vorwahlen und stellen die Parteispitzen vor ein Rätsel

Jeb Bush oder Hillary Clinton. Wenige Monate ist es erst her, da schien das Präsidentschaftsrennen in den USA nur auf sie hinauszulaufen. Doch bei den Vorwahlen beziehen sie heftige Prügel. Die neuen Favoriten heißen nun Donald Trump und Bernie Sanders - und das ist überraschend.

10.02.2016
Frank Herrmann
Manchester (New Hampshire). Jeb Bush blickt auf ein Meer bunter Wimpel, auf denen nur sein Vorname steht, gefolgt von einem Ausrufzeichen. Voller Trotz schlägt er mit der Handkante auf ein Pult und erklärt, frei nach Mark Twain, dass Gerüchte über sein politisches Ableben stark übertrieben seien. "Diese Kampagne ist keineswegs tot", verteidigt er sich, während die kurzatmige Politikbörse nur noch darüber spekuliert, wann er wohl das Handtuch wirft. Die Wähler New Hampshires, sagt Bush, hätten ihm die Chance gegeben, im Rennen zu bleiben. Und auf dessen dritter Etappe, in South Carolina, werde er "wirklich gut" abschneiden. Im Moment wirkt er wie ein Bühnenredner, der sich die triste Realität zurechtzubiegen versucht. Denn: Bushs vierter Platz steht symbolisch für die Prügel, die die Etablierten an diesem Wahltag beziehen.
Der Liebling der Parteigranden, Sohn des 41. und Bruder des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten, muss bereits zwei Runden nach dem Beginn des Vorwahlduells betonen, dass er nicht ans Aufgeben denkt. Doch selbst das bekommt zunächst nur ein Minipublikum mit, denn die Regie meint es nicht gut mit ihm.

Debakel für die Partei-Eliten


Kaum hat Bush in einem Hotelsaal in Manchester zu reden begonnen, schalten die Kabelsender auch schon um, weil in einem anderen Hotelsaal Donald Trump ans Mikrofon tritt, um seinen Sieg zu feiern. Acht Tage nach der Schlappe in Iowa ist der Immobilienmogul wieder so sehr obenauf, dass er es sich leisten kann, seinen Rivalen in Gönnerpose Komplimente zu machen. "Da sind einige wirklich sehr talentierte Leute dabei", säuselt Trump, der Bush gewöhnlich als energiearmen Verlierertypen beschimpft, Ted Cruz als feigen Warmduscher und Marco Rubio als grinsenden Sprechroboter. Spät am Abend twittert er noch ein Selfie: Die ganze Familie an Bord seiner Boeing 757, kurz vor dem Heimflug nach New York - Glamour, Reichtum, Frauen mit Modelfiguren.
Für die Spitzen der beiden großen Parteien, steht da längst fest, ist die Primary in New Hampshire zu einem Debakel geraten. Sowohl bei den Republikanern als auch bei den Demokraten setzen sich die Rebellen durch, hier der Rechtspopulist Trump, dort der weißhaarige Senator Bernie Sanders, der auf dem Feld der amerikanischen Politik den Linksaußen spielt, auch wenn er in Europa eher der traditionellen Sozialdemokratie zuzuordnen wäre.
Zwar hat die Wählerschaft New Hampshires auch in der Vergangenheit den einen oder anderen Aufständischen an die Spitze des Bewerberfelds katapultiert. 1968 war es der demokratische Senator Eugene McCarthy, ein entschiedener Gegner des Vietnamkriegs, 1996 der konservative Populist Pat Buchanan. Diesmal aber gewannen in beiden Parteien Bewerber, denen das Gros der Experten noch im vergangenen Sommer nicht mal Außenseiterchancen zugebilligt hatte.
Gewiss, das Resultat lässt nur bedingt Rückschlüsse auf das Wählerverhalten im Rest des Landes zu, schon weil Afroamerikaner beziehungsweise Latinos in dem kleinen Staat an der kanadischen Grenze kaum ins Gewicht fallen, während sie im Süden und Westen der USA eine Macht sind, zumindest im Lager der Demokraten. Dennoch wird die Partei-Elite mit Schrecken registriert haben, wie Sanders die Favoritin Hillary Clinton geradezu deklassierte.
Trump ist in Iowa schlecht aus den Startlöchern gekommen, nun zeigt sein Triumph in Neuengland, dass es vielleicht nur ein Stolperer war. Auch in South Carolina, wo das nächste Votum ansteht, dürfte er die Nase vorn haben. Zudem profitiert er vom Dilemma der Berufspolitiker: In deren Reihen ist es bisher keinem gelungen, sich von den anderen abzusetzen und Trump somit in der Rolle des Spitzenmanns der Etablierten Paroli zu bieten. Nach Iowa sah es so aus, als liefe alles auf Rubio zu, den telegenen Senator aus Miami.
Der aber hat nun mit einem fünften Platz die Quittung für einen überraschend schwachen Fernsehdebattenauftritt am Wochenende bekommen.
Auf ein Wunder hofft nun John Kasich, ein Praktiker aus der konservativen Mitte, der mit einem zweiten Platz in New Hampshire überzeugt hat. Amerikaweit aber verfügt er einfach nicht über jenes opulent finanzierte Netzwerk, das einen Jeb Bush vielleicht noch auffangen kann. Profiteur von der Schwäche Kasichs ist möglicherweise aber nicht der kriselnde Bush - sondern Donald
Trump. Dieser hat - Stand jetzt - gute Chancen, bei der Präsidentenwahl am 8. November als republikanischer Kandidat anzutreten.

 

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