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aus unserem Archiv vom 03. Januar 2014
Autor: Katharina Hammermann Kommentare: Kommentare zeigen Ort: Mainz/Ürzig Drucken

Warum Landes-Geologen den Hochmosel-Brückenbau so schwierig finden

Der Ürziger Moselhang besteht aus einem ebenso wilden wie instabilen Gesteinsmix. Obwohl es dort immer wieder zu Rutschungen gekommen ist und der feste Fels erst in 70 Metern Tiefe beginnt, sollen dort Pfeiler der riesigen Hochmoselbrücke gründen. Bevor sie gebaut werden, fordert das geologische Landesamt weitere Gutachten.
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Mainz/Ürzig. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass aus geologischer Sicht alles viel einfacher und auch weniger riskant hätte sein können. Denn ein paar Hundert Meter weiter nördlich gibt es keine Hangrutschungen. Ein paar Hundert Meter weiter südlich auch nicht. Doch dort ist der Hochmoselübergang nicht geplant. Stattdessen verläuft die Trasse des derzeit größten Brückenbauprojekts Europas unmittelbar über den Ürziger Moselhang.
"Das ist der komplizierteste Baugrund, den wir kennen. Wir haben schon vor mehr als zehn Jahren darauf hingewiesen, dass es sich um einen Rutschhang handelt", sagt Harald Ehses, Direktor des rheinland-pfälzischen Landesamts für Geologie und Bergbau. Eine Aussage, die dem übergeordneten Wirtschaftsministerium offenbar so wenig schmeckt, dass es den Volksfreund nach dem Interview mit Ehses zur Streichung des Zitats auffordert.
In Mainz liegen die Nerven offenbar blank, seitdem aus besagtem Wirtschaftsministerium kürzlich eine Stellungnahme des geologischen Landesamts an die Öffentlichkeit gedrungen war, die das Baugrundrisiko des mindestens 375 Millionen Euro teuren Megaprojekts als "sehr hoch" beschreibt (der TV berichtete).
Ein guter Grund, den geologischen Bedingungen an diesem Hang auf den Grund zu gehen.

Immer wieder Rutschungen


Ehses zufolge handelt es sich bei der Ürziger Moselseite um einen sogenannten Rutschhang. Seitdem die Mosel vor etwa 1,5 Millionen Jahren damit begann, sich in das Schiefergebirge hineinzufressen, ist es an diesem Hang immer wieder zu Rutschungen gekommen.
Die geologische Gemengelage ist daher sehr ungewöhnlich. Das feste Schiefergestein beginnt dem rheinland-pfälzischen Chefgeologen zufolge erst in einer Tiefe von etwa 70 Metern. Darüber befindet sich ein sehr inhomogenes Materialpaket. Zum Großteil besteht es aus einer kleinkörnigen Masse: Schiefer, der über die Jahrtausende hinweg feingeraspelt wurde. In dieser Masse schwimmen haushohe Schieferblöcke, die irgendwann von der Felswand abgebrochen waren. Das Wort "schwimmen" benutzt Ehses sehr bewusst, denn eine Verbindung zum festen Untergrund besitzen diese Blöcke nicht.
"Solche Rutschhänge reagieren hypersensibel auf Eingriffe, die ihr Gleichgewicht stören", sagt der Geologe - ein weiteres Zitat, das die Landesregierung aus diesem Text gerne entfernt hätte.
Die Mosel kann dieses Gleichgewicht stören, indem sie den Prallhang unterschneidet. Das hat sie in den vergangenen 1,5 Millionen Jahren mindestens sieben Mal getan. Aber auch Menschen können das Gleichgewicht des Berges stören. Ehses zufolge war es bei Ürzig vor einigen Jahren zu einer Rutschung gekommen, weil ein Winzer Material auf dem Hang abgelagert hatte. Und was ist mit der Brücke, deren Pfeiler maximal 47 Meter tief - also ohne Kontakt zum festen Gestein - in diesem Rutschhang gründen sollen? Welches Risiko stellt sie für den Hang dar? Oder umgekehrt: Welches Risiko stellt der Hang für die Brücke dar?
Aus Sicht des Geologen gibt es nicht genügend Informationen, um das vollständig beurteilen zu können. "Wir haben immer schon darauf hingewiesen, dass hydrogeologische Messreihen gemacht werden müssten", sagt Ehses. Die dem Landesamt vorliegenden Unterlagen seien jedenfalls nicht ausreichend.

Der Faktor Wasser


Der Faktor Wasser sei bei den Berechnungen nicht so eingeflossen, dass man einen ausreichend sicheren Beleg dafür hat, dass die Standfestigkeit der Brücke vollständig gewährleistet ist.
Denn Wasser spielt bei Rutschungen eine wichtige Rolle. Fungiert es doch als Schmiermittel. Zu wissen, welche Wege es sich in dem ungewöhnlichen Hang sucht, wäre aus geologischer Sicht also wichtig für die Risikobewertung.
Ehses fordert im TV-Interview daher nach wie vor ein hydrogeologisches Gutachten, bevor die Baumaßnahmen an Pfeilern auf der Ürziger Moselseite beginnen.
Wie das Innenministerium dem Volksfreund wenige Stunden nach diesem Interview mitteilte, soll die vom Landesamt geforderte Berechnung "des Sickerwassereinflusses unter Worst-Case-Betrachtung" nun durchgeführt werden. Dass der Hang, auf den die 160 Meter hohe und 1,7 Kilometer lange Brücke sich stützen wird, nicht so stabil ist wie andere, ist laut Ehses schon lange bekannt. Wie komplex dieser Rutschhang ist, habe sich dann im Laufe der Jahre durch Untersuchungen gezeigt.
Extra
Der Standort der Hochmoselbrücke ist laut rheinland-pfälzischem Innenministerium das Ergebnis eines ausführlichen Abwägungsprozesses. Diese Abwägung habe ökologische, landschaftsbildbezogene, städtebauliche, wirtschaftliche und auch geologische Belange beinhaltet. An der Mittelmosel gebe es mehrere Bereiche, die als inaktive Rutschhänge bekannt sind, wie der gewählte Bereich auf der Eifelseite. Das Bauvorhaben wird von Beginn an vom Landesamt für Geologie und Bergbau begleitet. Dem Ministerium zufolge gibt es eine Stellungnahme des Landesamtes von 1998, das die grundsätzliche Machbarkeit der Trasse bestätigt habe. Die Korrektheit der Planung sei auch höchstrichterlich bestätigt worden. red

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