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16.12.2011
Rolf Seydewitz

„Wir hätten früher reagieren müssen“

(Trier) Seit der Trierer Bischof Stephan Ackermann zum kirchlichen Missbrauchsbeauftragten ernannt wurde, muss er auch Kritik einstecken. Dass sie von organisierten Katholiken in Ackermanns eigenem Bistum kommt, ist allerdings neu. Schuld daran ist das schlechte Krisenmanagement in einem jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfall.

Als das Bistum Trier Anfang Dezember bekanntgab, dass es zwei seiner Priester wegen Missbrauchsvorwürfen suspendiert habe, hielt sich die Aufregung in Grenzen. Zwar wurde in den betroffenen saarländischen und Trierer Pfarreiengemeinschaften heftig über die teils viele Jahrzehnte zurückliegenden Vorfälle diskutiert. Doch die überregionale Aufmerksamkeit war eher gering. „Zwei Fälle von vielen“, dachten wohl auch die meisten Katholiken. Doch inzwischen hat sich der Wind gedreht, ist das Trierer Generalvikariat und mit ihm Bischof Stephan Ackermann wegen einer dieser „Altfälle“ gehörig unter Beschuss geraten. Es gibt sogar Vertuschungsvorwürfe, was wohl der schlimmste Vorwurf ist, den man jemandem machen kann, der als kirchlicher Missbrauchsbeauftragter angetreten ist, um rückhaltlos aufzuklären. Worum geht’s? An Weihnachten 2010 wird der damals 69-jährige Priester der Saarbrücker Pfarrei Burbach in seinem Haus von Unbekannten überfallen, ausgeraubt und dabei schwer verletzt. Im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, dass der Geistliche einst intime Kontakte zu zwei minderjährigen Messdienerinnen gehabt haben soll. Über diese Erkenntnisse wird im Januar 2011 auch das Trierer Bistum informiert. Nach Angaben des Bistums räumte der Priester in einem Gespräch mit dem zuständigen Personalchef ein, „in den 1980er Jahren sexuelle Kontakte zu einer Schutzbefohlenen gehabt zu haben“. Der Aufforderung, sich selbst anzuzeigen, sei der Geistliche anschließend nachgekommen. Weil er durch die Folgen des Überfalls noch außer Dienst gewesen sei, habe man seinerzeit keine disziplinarrechtlichen Maßnahmen ergriffen, heißt es in einer Stellungnahme des Bistums auf Anfrage unserer Zeitung. Dass dies ein Fehler gewesen sei, räumen die Verantwortlichen allerdings inzwischen ein. „Wir hätten früher reagieren müssen“, sagte am Freitagmittag Bischofssprecher Stephan Kronenburg. Spätestens im Juni hätte der Burbacher Pastor demnach beurlaubt werden müssen. Damals nahm der Geistliche an der Einweihung eines Kindergartens teil. Das Bistum schien dies nicht zu stören. Drei Monate später wurde der inzwischen 70-jährige Priester mit einem feierlichen Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Auch daran hatten die Verantwortlichen im Trierer Generalvikariat offenkundig nichts auszusetzen. Erst am 13. Oktober, neun Monate nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe, untersagte der Trierer Generalvikar Georg Holkenbrink dem Ruhestandsgeistlichen, weiter die Messe zu feiern oder Sakramente zu spenden. Und erst weitere anderthalb Monate später wurde die Öffentlichkeit über die Vorwürfe informiert. „Viel zu spät“, kritisieren mehrere organisierte Katholiken und Vereinigungen. „Wir hatten unserem Bischof und der Bistumsleitung zugetraut, entsprechend den Richtlinien mit neu auftretenden Fällen umzugehen. Darin sehen wir uns getäuscht“, sagt etwa die geistliche Leiterin der katholischen Jugendorganisation KSJ, Jutta Lehnert. Ähnlich deutlich äußert sich der Saarbrücker Pastoralreferent Heiner Buchen. Er spricht von einem „skandalösen Umgang der Trierer Kirche mit Tätern und Opfern – und das offensichtlich bis in diese Tage“. Etwa 40 Vertreter kirchlicher Organisationen und Pfarreienangehörige haben sich am Donnerstagabend in Saarbrücken getroffen, um über den heiklen Fall und ihre Reaktion darauf zu diskutieren. In der kommenden Woche wollen sie einen Brief an den Trierer Bischof schicken, in dem sie ihren Unmut schildern. Auch die Öffentlichkeit soll informiert werden. Beim Trierer Bistum schellen offensichtlich die Alarmglocken, auch weil einzelne Gruppierungen bereits fordern, das Thema bei der bevorstehenden Bistumswallfahrt aufzugreifen: „Damit aus dem Heiligen Rock nicht der Mantel des Schweigens wird“, heißt es etwa auf der KSJ-Internetseite. Nach Angaben von Bistumssprecher Stephan Kronenburg ist Bischof Stephan Ackermann zu einem Gespräch mit den Kritikern bereit. Man sei aber schon etwas verwundert darüber, dass die Betroffenen sich gleich an die Öffentlichkeit gewandt hätten, statt zunächst Kontakt mit dem Bischof aufzunehmen. Eine Aussage, bei der die KSJLeiterin Jutta Lehnert nur schmunzeln kann. „Wir haben mit verschiedenen Anliegen dieses Jahr vier Mal an den Bischof geschrieben“, sagt die Koblenzer Pastoralreferentin und fügt hinzu: „Wir haben nie eine Antwort bekommen, nicht mal eine Eingangsbestätigung.“
HINTERGRUND: MISSBRAUCH IN DER KIRCHE

Das Bistum Trier hat aus dem Hilfsfonds für Missbrauchsopfer bis Anfang des Monats in 37 Fällen entschädigt. Fünf Fälle waren noch offen. Ein Runder Tisch hatte eineinhalb Jahre lang den sexuellen Kindesmissbrauch in der Kirche aufgearbeitet und sich dann auf ein umfangreiches Maßnahmenpaket verständigt. Unter anderem erhielten die Opfer Entschädigungen von mehreren Tausend Euro. red

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