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Dem Krieg in der Eifel auf der Spur

TV-Redakteurin Inge Kreutz lässt in ihrem neuen Buch Zeitzeugen aus Bettingen zu Wort kommen

(Bettingen) "Die Bettinger sind anders", findet Willi Fink vom Geschichtsverein des Eifeldorfes Bettingen. Zur Zeit des Nationalsozialismus allerdings verlief die Geschichte auch hier wie in den meisten Orten Deutschlands. Warum wählten 95 Prozent die NSDAP? Wann kippte die Stimmung? Wie fand die Dorfgemeinschaft nach der Entnazifizierung wieder zusammen? Antworten gibt TV-Redakteurin Inge Kreutz in ihrem Buch "Beim Credo fielen die Bomben". Dossier zum Thema: Zweiter Weltkrieg in der Region

10.07.2013
Sybille Schönhofen
Bettingen. Wenn Elisabeth Am-bros und Rudolf Lichter auf den Krieg angesprochen werden, sprudeln Episoden aus ihrer Erinnerung. Er überlebte als Zehnjähriger, obwohl zwei Bomben über seinem Elternhaus abgeworfen wurden, und sie überlebte als 20-Jährige nur, weil ein Soldat sie beim Fliegerangriff aus der Schusslinie riss. Exakt dort, wo Sekunden später das Geschoss einschlug, hatte sie gesessen. Die beiden Bettinger sind zwei der 20 Zeitzeugen, deren Erinnerungen Inge Kreutz in dem Buch "Beim Credo fielen die Bomben" festgehalten hat.
Kreutz lernte Bettingen erst durch die Mitarbeit an der Dorfchronik kennen. Das ihr übertragene Thema des Nationalsozialismus wurde im März als Monographie vorab veröffentlicht. Inge Kreutz und Willi Fink, der die Entstehung des Buches für den Förderverein Bettinger Geschichte begleitete und die Vorarbeit leistete, wollten eines nicht: ein reines Fachbuch. Sie wollten ein Lesebuch für jedermann. Ihre Herangehensweise: In Interviews erfragten sie die persönlichen Geschichten, die im Buch die umspannende Historie lebendig machen. Wie war es, wochenlang in Todesangst mit anderen im Keller zu hocken, um Schutz vor den Bomben zu suchen? Was die Zeitzeugen berichten, bewegt: Eine Frau gebar während der Bombardierung im Schutzkeller ein Kind. Es starb. Unter Todesgefahr ging die Mutter mit dem Pfarrer auf den Friedhof, um ihr Kind zu beerdigen. "Es ist wichtig, dass man sieht: Bis in die Provinz hinein hatte der Krieg katastrophale Auswirkungen", sagt Inge Kreutz. Es geht darum, Erinnerungen aus erster Hand zu dokumentieren, bevor sie für immer verloren sind. Alles für das Ziel, die Jugend zu sensibilisieren, damit sich so etwas nie wiederholt. Dabei legten Kreutz und Fink Wert darauf, dass alle Fakten wissenschaftlich gesichert sind.
Aus den Gesprächen mit den Zeitzeugen ist ein authentisches Zeugnis von der Vor- bis in die Nachkriegszeit entstanden. Angefangen mit der Suche nach den Wurzeln: Wie konnte sich der Nationalsozialismus überhaupt in dem gut katholischen Eifeldorf entwickeln? 95 Prozent der Bettinger wählten im März 1936 die NSDAP.
Die Autorin spart auch die Frage nach den Tätern nicht aus. "Ich bin der Überzeugung, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland inzwischen so weit vorangekommen ist, dass man auch das Leiden der Zivilbevölkerung thematisieren kann, ohne dass gleich die Kriegsschuld infrage steht", argumentiert sie.
Nach Abschluss der Recherche gibt sie den Zeitzeugen in ihrer Beurteilung recht. Schwarz und Weiß, den bösen Nazi und den mutigen Widerstandskämpfer, hat Kreutz in der achtjährigen Entstehungszeit des Buchs in Bettingen nicht gefunden.
Das Buch "Beim Credo fielen die Bomben" ist in den Bettinger Geschäften, der Buchhandlung Schiwek in Bitburg und in der Mayerschen Buchhandlung in Trier erhältlich. Das Buch hat 96 Seiten und kostet 20 Euro.
Ein weiterer Teil aus der Bettinger Ortschronik, die Kirchengeschichte, wird ebenfalls gesondert erscheinen, voraussichtlich im kommenden Jahr.
Die Gesamtchronik, die bis zum Jahr 1870 angelegt ist, soll 2015 fertig sein.
Extra
Inge Kreutz (40) stammt aus Oberkail und hat in Trier Geschichte studiert. Sie arbeitet als Redakteurin beim Trierischen Volksfreund und lebt mit ihrer Familie in Trier. sys
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Der Förderkreis Bettinger Geschichte kam erstmals 1991 zusammen. 2001 wurde der Verein gegründet. Er hat 36 Mitglieder, aktiv sind sieben. Jahresbeitrag: 25 Euro. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat. Ziel ist es, mehr über die Geschichte Bettingens zu erfahren. Als Grundlage für wissenschaftliche Forschungen stöbern die Mitglieder in Archiven Dokumente auf, die sie wissenschaftlichen Autoren zur Verfügung stellen. Zu den jüngsten Projekten gehören die zeichnerische Rekonstruktion der Burgruine und die Erstellung der Ortschronik. Zudem finanziert der Verein geophysikalische Untersuchungen. sys