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Geselligkeit und Energie für das Leben im Alter

Mehr Geld gibt es besonders für ambulante Leistungen wie die Tagespflege - Bessere Hilfe für Menschen mit Demenz und Depressionen

(Trier) Das neue Zeitalter der Pflegeversicherung stärkt besonders ambulante und teilstationäre Angebote. Die Tagespflege, wie sie der Club Aktiv als gemeinnütziger Träger in Trier und Saarburg anbietet, gehört zu den Begünstigten. Zu Recht, meinen nicht nur die Gäste. Dossier zum Thema: Pflege

08.01.2017
Rainer Neubert
Frühstückszeit beim Club Aktiv im Trierer Stadtteil Olewig. An den drei runden Tischen im großen Saal der Tagespflegeeinrichtung geht es lebhaft zu. Reinhold Müller verfolgt das Gespräch an seinem Tisch mit wachen Augen. In diesem Jahr feiert der ehemalige Bäcker 90. Geburtstag. Seit 20 Jahren ist er Gast in der ehemaligen Villa am Ortseingang. "Ich komme jetzt an jedem Werktag", sagt er ein wenig schleppend.

Jeder Gast ist willkommen

Rita Engels-Schweitzer leitet die Einrichtung, die insgesamt 44 Plätze für die Betreuung betagter Menschen vorhält. Sie tauscht mit dem Senior, der seit einiger Zeit im Rollstuhl sitzen muss und beim Sprechen und Hören mehr Probleme hat als früher, ein Lächeln aus und tätschelt seine Hand. "Sie waren mein erster Gast", erinnert sie sich.

Erst seit einem Jahr kommt Helene Amhoff. "Hier sind alle gut zu uns und die Gesellschaft gefällt mir", sagt die 85-Jährige. Dreimal wöchentlich bringt sie der Fahrdienst des Clubs Aktiv nach Olewig. "Als ich mich noch selbst um meinen Sohn kümmern musste", gab es so etwas noch nicht. Damals, als sie nach dem Tod ihres Vaters einen siebenköpfigen Haushalt bewältigen musste, war die Pflegeversicherung noch nicht erfunden. "Wenn man selbst Angehörige pflegt, werden andere Werte im Leben wichtiger als Karriere und Geld." Rita Engels-Schweitzer nickt. "Bei uns spielen die sozialen Komponenten eine ganz große Rolle." Viele der betagten Menschen litten unter psychischen Problemen, sagt sie. Dafür und auch für die pflegerische Leistung haben wir einen hohen Anteil Fachpersonal. "Je vier Gäste eine Betreuungsperson. So einen hohen Personalschlüssel gibt es in keinem Pflegeheim."

Auch Triers Sozialdezernentin Angelika Birk sitzt an diesem Morgen am Tisch. Sie ist gekommen, um sich in Olewig später auch im Stadtteil Ehrang einen Überblick über das besondere Konzept der Tagespflege zu verschaffen. "Hier wird ein wichtiger Beitrag in der gemeindenahen ambulanten Versorgung geleistet", ist sie überzeugt.

Nach seinem Motto "Inklusion statt Isolation - mittendrin statt außen vor" will der Club Aktiv auch in der Tagespflege seinen Gästen ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Nicht immer ist das bequem für die betagten Gäste. Bei Gedächtnisspielen, Gymnastik und Bewegungsübungen werden sie gefordert. Dass auch kreative Gestaltung zum Tagesablauf gehört, zeigt der Blick auf die vielen Bilder, Collagen und Basteleien, die jeden Raum des geräumigen Hauses zieren.

Die Kaffeetische sind inzwischen abgeräumt. In einem der Nebenräume versuchen einige Gäste nun konzentriert, einen Luftballon weiterzugeben - mit den Beinen. Fröhliches Lachen ertönt in einem anderen Raum. Hier balanciert eine Gruppe aus Männern und Frauen einen Ball auf einem großen Schwungtuch.

"Ich bin mir sicher, dass solche Übungen es den Betroffenen ermöglicht, ein Leben in ihrer vertrauten Umgebung zu führen", sagt Sozialdezernentin Birk, bevor sie sich auf den Weg in das 13 Kilometer entfernte Ehrang macht. Hier, im behindertengerecht sanierten Gebäude gleich hinter dem Bürgerhaus, bietet die Tagespflege 22 Plätze für Menschen. Sie kommen nicht nur aus dem Stadtteil, sondern auch aus der Eifel und von der Mosel, erläutert Angela Veneziano. Die gelernte Intensivschwester leitet hier die Geschicke. Expertin ist sie auch für die Pflegereform und die damit verbundenen Neuerungen.

"Wichtig ist vor allem, dass nun die Frage im Mittelpunkt steht, was der Mensch noch kann. Bislang ging es überwiegend nur um die Bewertung von körperlichen Einschränkungen."

Im neuen Fragenkatalog des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), der für die Einstufungen in der Pflegeversicherung verantwortlich ist, seien nun weitere wichtige Bereiche erfasst. "Nun wird zum Beispiel gefragt nach Unruhe in der Nacht, nach Antriebslosigkeit oder Aggressivität in bestimmten Situationen." Es gehe um soziale Kontakte und die Fähigkeit, den Alltag zu strukturieren. "Die Vereinsamung der Menschen zu Hause ist ein Punkt, der bislang zum Beispiel nicht berücksichtigt wurde."

Anspruch auf bis zu 689 Euro

Vor allem diese eingeschränkte Alltagskompetenz wird mit der Pflegereform deutlich höher bewertet und erreicht immer auf Anhieb den Pflegegrad 2. Sie hat in der Tagespflege damit einen Anspruch auf bis zu 689 Euro. Wer bisher trotz einer solchen Einschränkung in der Pflegestufe 0+ eingestuft war, rückt nun auch ohne neue Begutachtung in Pflegegrad 2 und erhält dadurch 458 Euro mehr. Club Aktiv-Geschäftsführer Paul Haubrich sieht eine solche Beispielrechnung auch aus einem anderen Grund gerne. "Die Tagespflege wird auch für uns als Träger günstiger."
Extra: Pflegebedürftigkeit
Mit dem Pflegestärkungsgesetz II wurde ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsverfahren eingeführt. Das alte System berücksichtigte nur die zeitlichen Anforderungen für die tägliche Pflege. Das neue Begutachtungsverfahren betrachtet hingegen die gesamte Lebenssituation eines Menschen und bewertet, wie selbstständig jemand seinen Alltag gestalten kann. Ziel der Reform ist es, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz ebenso zu berücksichtigen wie körperliche Einschränkungen. Dazu wird eine neue Staffelung der Pflegebedürftigkeit eingeführt: Anstelle von drei Pflegestufen gibt es jetzt fünf Pflegegrade, die wesentlich differenzierter sind und die Grade der Pflegebedürftigkeit messen. Ana
Extra: Begutachtung
Zur Einstufung in die Pflegegrade werden sechs Lebensbereiche betrachtet und mit Hilfe eines Punktesystems unterschiedlich stark bewertet. Dabei berücksichtigen die Gutachter die noch vorhandene Selbstständigkeit des Antragstellers in Bezug auf körperliche, psychische und kognitive Beeinträchtigungen. Je mehr Punkte der Begutachtete erhält, desto höher fallen der Pflegegrad und die Leistungen der Pflegekasse aus.
Am stärksten wird die Möglichkeit zur Selbstversorgung und damit die Autonomie im Alltag gewichtet. Daneben spielt der eigenständige Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen eine Rolle. Auch die Gestaltung des Alltagslebens sowie die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, allgemeine Verhaltensweisen und eventuelle psychische Besonderheiten sowie Mobilität und Fortbewegungsmöglichkeiten werden bei der Begutachtung eingerechnet. Ana



 

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