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Kliniken in der Region: Keine Zeit für ordentliche Pflege

(Trier) Mitarbeiter von Kliniken in der Region machen aus Protest einen Tag Dienst nach Vorschrift. Sie weisen damit auf die Personalnot hin. Auch Krankenhäuser klagen über steigende Anforderungen.

13.09.2017
Bernd Wientjes
30 Sekunden. Das ist die Zeit, die für Krankenpfleger für die Händedesinfektion vorgeschrieben ist. Und zwar vor und nach jedem Kontakt mit dem Patienten. „Das bedeutet, dass eine Krankenschwester durchschnittlich zwei Stunden täglich für Händedesinfektion aufwenden muss“, sagt Thorsten Servatius von der Gewerkschaft Verdi in Trier. Doch für die vorgeschriebene ausführliche Desinfektion der Hände fehle oft die Zeit. „Zum Beispiel, weil bei zwei Patienten gleichzeitig ein Alarm losgeht, oder nebenan im Zimmer jemand zu stürzen droht, oder das schnurlose Telefon pausenlos klingelt, oder der Arbeitsdruck gegen Schichtende noch zunimmt“, sagt der Gewerkschaftsfunktionär.

Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es jährlich zwischen 400.000 und 600.000 Fälle von Infektionen von Patienten im Krankenhaus, oft auch wegen mangelnder Hygiene des Personals. 15.000 Menschen sterben pro Jahr deswegen. Schuld daran sei, so Verdi, der Personalmangel in vielen Kliniken. Die Gewerkschaft rief daher gestern die Pflegekräfte in allen deutschen Krankenhäusern dazu auf, Dienst nach Vorschrift zu machen und sich die Zeit für die vorgeschriebene 30-sekündige Desinfektion zu nehmen.

Auch in der Region haben nach Auskunft von Servatius einige Pfleger an der Aktion teilgenommen. In welchen Krankenhäusern genau, sagte er nicht, angeblich zum Schutz der betreffenden Mitarbeiter. Sie hätten Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen. „Die Beschäftigten wollen nicht in den Verdacht kommen, ihre Arbeit nicht korrekt zu machen oder gar die Patienten zu gefährden“, sagt Servatius. Deshalb sei die bundesweite Aktion gestern vorzeitig aufgrund von Personalmangel abgebrochen worden, um den laufenden Betrieb zu sichern.

Laut Servatius fehlen allein in der Region rund 800 Pflegekräfte, um die anfallende Arbeit ordnungsgemäß zu erledigen. Landesweit sind es laut Verdi knapp 1300 Krankenpfleger, die zusätzlich benötigt würden.Und das nicht nur wegen der erforderlichen Händedesinfektion. Es würden immer mehr Anforderungen an die Kliniken und damit an das Personal herangetragen, sagt Servatius. Vor allem die Bürokratie – etwa durch die erforderliche Dokumentation von Behandlungsschritten – nehme überhand. 

Die Krankenhausträger bestätigen das. Sie klagen über die aus ihrer Sicht sehr strengen Qualitätsvorgaben für medizinische Behandlungen. Vor allem für kleinere Krankenhäuser bedeute das, dass sie die Anforderungen oft nur stemmen könnten, wenn Mitarbeiter mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen würden, sagt Thomas Jungen. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft katholischer Krankenhäuser im Caritasverband für die Diözese Trier und vertritt damit die Interessen aller Kliniken in der Region bis auf das kommunale Krankenhaus in Saarburg. Kein Haus sei gegen Qualität, aber der Druck auf die Kliniken wachse durch die steigenden Anforderungen, sagte Jungen bei einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft in Trier.

Das sieht auch Josef Hecken so, der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses der Krankenkassen, Kliniken und Ärzte. Die Qualitätsanforderungen dienten dem Schutz der Patienten. Wenn Kliniken dauerhaft die Vorgaben nicht erfüllen könnten, müsse darüber nachgedacht werden, die Häuser notfalls zu schließen, sagt Hecken. So würden etwa das Infektionsrisiko oder die Sterblichkeit bei bestimmten Eingriffen gemessen und verglichen. Bei Auffälligkeiten sei es legitim zu überprüfen, woran das liege, sagte Hecken.Themen des Tages