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Mehr Geld, bessere Versorgung: Was sich in der Pflege jetzt ändert - Über 100.000 Menschen in Rheinland-Pfalz profitieren von der Reform

(Trier) In Einzelfällen gibt es monatlich 1200 Euro mehr. Die Pflegereform 2017 stellt das bisherige System auf den Kopf. Besonders profitieren Menschen, die zum Beispiel durch eine Demenz eingeschränkt sind. Dabei gilt der Grundsatz ambulant vor stationär. Dossier zum Thema: Pflege

08.01.2017
Rainer Neubert
Die Pflegereform ist seit wenigen Tagen in Kraft. Für mehr als 100.000 alte und hilfebedürftige Menschen in Rheinland-Pfalz bringt sie erhebliche Veränderungen, fast immer positiv. Zumindest in diesem Jahr wird niemand, der bereits Geld aus der Pflegeversicherung erhält, schlechter gestellt. Durch die Einführung eines neuen Pflegebegriffs werden nicht mehr nur die körperlichen Einschränkungen betrachtet. Demenzkranke oder dauerhaft psychisch kranke Menschen erhalten nun ebenfalls Pflegeleistungen. Bislang gingen sie oft leer aus.

"Mehr Menschen werden als pflegebedürftig anerkannt werden und dadurch Anspruch auf Leistungen haben", sagt Peter Pick, Geschäftsführer des MDS, dem Dachverband des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Bundesweit sei mittelfristig sogar mit bis zu 500.000 zusätzlichen Leistungsempfängern zu rechnen. Finanziert wird das durch eine zweistufige Erhöhung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung um 0,3 Prozent im Jahr 2015 und noch einmal 0,2 Prozent ab diesem Jahr.

Die Umstellung und Differenzierung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade steht unter dem Gebot "ambulant vor stationär". So werden zum Beispiel deutlich mehr Leistungen für die Tagespflege gewährt. Gezahlt wird zusätzlich zum Pflegegeld bei der Betreuung durch Angehörige oder Sachleistungen bei der Versorgung durch einen mobilen Pflegedienst.

Für einen demenzkranken Menschen, der bislang trotz erheblicher Einschränkungen in der eigentlich nicht vorhandenen Pflegestufe 0+ eingestuft war, verbessert sich der maximale Anspruch so um mehr als 1200 Euro.

Der Club Aktiv ist größter gemeinnütziger Anbieter von Tagespflege in Trier. Geschäftsführer Paul Haubrich: "Die neue Gesetzgebung stärkt den ambulanten Bereich. Wir versprechen uns davon auch für die Tagespflege mehr finanzielle Sicherheit."

Auch bei der stationären Pflege steigen Leistungen. Torsten Manikowski, Geschäftsführer der Creatio-Gruppe, die unter anderem Pflegeeinrichtungen in Wittlich, Pölich und Schweich betreibt, bewertet die Reform als positiv. "Bisher konnten sich viele Menschen, die zum Beispiel an Demenz erkrankt sind, einen Aufenthalt in der stationären Einrichtung nicht leisten. Für diese nicht unerheblich große Gruppe wird jetzt in der pflegerischen Versorgung deutlich mehr getan werden können."

Nach einem Übergangsjahr sollen sich in der stationären Pflege allerdings die Leistungen in den geringeren Pflegegraden zwei und drei verschlechtern.


Kommentar:

Revolution in der Pflege
Warum die Gesetzesänderung positive Veränderungen bringt

Von
Rainer Neubert


Seit Jahren wird über das Pflegestärkungsgesetz II gesprochen. Welch enorme Veränderung diese Pflegereform für die Gesellschaft bedeutet, wird aber erst in den kommenden Monaten deutlich werden. Die Reform – sie ist längst überfällig – stellt viele Dinge, die bislang für die Pflege von alternden und kranken Menschen galten, auf den Kopf.

Endlich wird nicht mehr nur bewertet, ob sich ein Mensch selbst waschen oder kämmen, ob er sich alleine anziehen und seine Schuhe zubinden kann. Die unzureichende Checkliste für die Bewertung einer Pflegebedürftigkeit kommt auf den Müllhaufen ausgedienter und zu wenig durchdachter Instrumentarien politischer Kompromisse. In einer Gesellschaft, die altert und deren Menschen immer älter werden, dürfen Demenzerkrankungen ebenso wenig ignoriert werden wie krankhafte Depressionen. Bislang sind Menschen mit diesen Leiden zumindest in einem frühen Stadium der Erkrankung bei der Erstattung von Pflegeleistungen ebenso durch das Raster gefallen wie alle, die körperlich zwar fit sind, aber ihr Leben nicht alleine bewältigen können. 

Doch nicht nur das ist eine wesentliche Veränderung, die seit dem Jahreswechsel gilt. Der rigorose Wechsel der Pflegephilosophie, die der frühen und vor allem ambulanten Hilfe Vorrang einräumt, wird sich trotz der zunächst deutlich höheren Kosten schon mittelfristig auszahlen. Denn Menschen werden in Zukunft erst dann in die teuere stationäre Pflege wechseln, wenn es auch mit intensiver ambulanter Hilfe wirklich nicht mehr möglich ist, in den eigenen vier Wänden zu leben. 

Der Gesetzgeber forciert diese Entwicklung bewusst, wenn er – nach einem Übergangsjahr – für wenig hilfebedürftige Menschen in Alten- und Pflegeheimen die Leistungen kürzt. So werden die Heime schon in wenigen Jahren ihr Gesicht verändern und für die meist sehr alten und sehr kranken Gäste eher die Funktion übernehmen, die heute mit Hospizhäusern in Verbindung gebracht wird. 

Der neu geordnete Leistungskatalog der Pflegeversicherung ist komplex. Das liegt nicht nur an den nun fünf Pflegegraden statt bisher drei Pflegestufen. Neu und wichtig ist auch, dass für viele Betroffene noch mehr Leistungen parallel gezahlt werden. So wirkt sich zum Beispiel die Erstattung für die Tagespflege nicht darauf aus, wie viel Geld der Betroffene für den mobilen Pflegedienst oder das Pflegegeld bei der Betreuung durch die Angehörigen erhält. 
Was wann gezahlt wird, wissen die Experten der Pflegestützpunkte. Sie beraten kostenlos und bekommen in diesen Tagen hoffentlich mehr Kundschaft. 


Eine Reportage zum Thema:

Geselligkeit und Energie für das Leben im Alter




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