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Nato übt in Büchel Atombomben-Einsätze

(Trier) Geheim, aber ziemlich laut: Internationale Luftstreitkräfte trainieren in der Eifel und in Belgien derzeit den Umgang mit amerikanischen Nuklearwaffen.

18.10.2017
Katharina de Mos
Es ist nicht einfach irgendein militärisches Flugtraining. Wer dieser Tage Kampfjets hört, die durch den Himmel über der Region Trier donnern, könnte Zeuge einer Nato-Atomwaffenübung geworden sein.
Friedensforschern zufolge trainiert das Militärbündnis derzeit für den Kriegsfall den Umgang mit den US-amerikanischen Atombomben, die im Eifelort Büchel und Kleine Brogel in Belgien stationiert sind. Wie das Nato-Hauptquartier in Brüssel auf Anfrage des Trierischen Volksfreunds bestätigt, finden vom 16. bis 20. Oktober an beiden Orten Flugübungen statt. „Diese Übungen gewährleisten, dass die Luftstreitkräfte des Bündnisses in der Lage sind, effektiv zusammenzuarbeiten, wenn dies nötig ist“, sagt eine Nato-Sprecherin. Die Details des Trainings namens „Steadfast noon“ (was wörtlich übersetzt „standhafter Mittag“ bedeutet) seien allerdings „classified“, teilt die Nato-Sprecherin auf Englisch mit – sie sind geheim. „Das Ziel ist rein defensiv“, betont sie. Und wie immer basiere die Übung auf einem fiktionalen Szenario.

Sehr viel bereitwilliger Auskunft geben Friedensforscher wie Otfried Nassauer, Direktor des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. Bei dem Training das jährlich an mehreren Nato-Standorten stattfinde, werde zum einen der Umgang mit den Atomwaffen am Boden trainiert: wie man sie sicher aus den unterirdischen Magazinen zu den Flugzeugen transportiert und unter die Kampfjets montiert. Zudem gebe es auch Flugtrainings. Unter anderem dürften diese in einem militärischen Luftübungsraum namens Tra Lauter stattfinden, der über einem Teil der Region Trier liegt.

„Geflogen wird aber ohne Bomben“, betont Nassauer. Selbst auf Übungssprengköpfe werde verzichtet. Da die Flüge Begleitschutz bekommen, beteiligten sich an dem Training auch Staaten, die nicht Teil des Nuklearbündnisses – der nuklearen Teilhabe – zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und der Türkei sind.

So berichtet der US-Kernwaffenexperte Hans Kristensen vom Nuclear Information Project in Washington/DC lokale Beobachter hätten nun auch tschechische und polnische Kampfjets über Belgien und der Eifel gesehen.

Er geht davon aus, dass die Nato ihre Nuklearstrategie dem zunehmend feindlichen Verhältnis mit Russland anpasst. Die Geheimnistuerei um die zuvor nicht angekündigte Nato-Übung finde er interessant. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Nato sich vor einigen Wochen noch bitter beschwerte, dass Russland nicht transparent über seine große Zapad-Militärübung an der Nato-Ostgrenze berichtete. Auch in Deutschland gibt es Kritik. So sagt Xanthe Hall von der Vereinigung „Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs“: „Wir fordern die Bundesregierung auf, Übungen für den Atomwaffeneinsatz einzustellen und endlich dem internationalen Atomwaffenverbot beizutreten.“

In den vergangenen Jahrzehnten hatten solche Forderungen keinerlei Erfolg. Alle Rufe, die Bomben abzuziehen, blieben ohne Konsequenzen. Die nuklearen Sprengköpfe werden wohl noch Jahrzehnte in Deutschland lagern. Haben die USA doch vor, ihr Arsenal zu modernisieren (siehe Info).

Und daher werden auch die in Büchel stationierten deutschen Tornado-Jets noch lange im Einsatz sein – einfach deshalb, weil sie es sind, die im Ernstfall mit den US-Bomben bewaffnet werden, ehe deutsche Soldaten sie zum Ziel fliegen und abwerfen. Der Fluglärm, der Nassauer zufolge mit der Übung zu tun haben dürfte, macht dies derzeit deutlicher denn je. 
 
Info: Atombomben in Büchel
(Mos) Es ist ein offenes Geheimnis, dass in Büchel die letzten US-Atombomben auf deutschem Boden stationiert sind. 20 Stück sollen es sein, die in unterirdischen Magazinen lagern. Ab 2022 sollen sie durch modernisierte Nuklearwaffen ersetzt werden. Friedensforscher fürchten die Fähigkeiten der neuen Bombengeneration B 61-12. Denn statt „dumm“ – also frei fallend – werden sie präziser lenkbar sein als die alten B 61-3 und B 61-4. So sind die Bomben besser für die Zerstörung einzelner Ziele geeignet. Sie richten auch weniger ungewollten Schaden an. „Damit könnte die Hemmschwelle sinken, sie zu verwenden“, sagt Otfried Nassauer, Direktor des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. Um die Bomben im Krieg einsetzen zu können, behält die Luftwaffe ihre in der Eifel stationierten Tornados nicht wie geplant bis 2020, sondern bis 2035.
 
Extra
Vor dem Amtsgericht Cochem mussten sich am Mittwoch vier Aktivisten verantworten, die vor rund einem Jahr die Landebahn des Atomwaffenstandorts blockiert hatten. Sie wurden wegen Hausfriedensbruchs zu Geldstrafen verurteilt. Immer wieder dringen Aktivisten in das Gelände ein. Im August verbrachten vier Amerikaner und ein Deutscher eine Stunde unbehelligt im Sicherheitsbereich. Das Verteidigungsministerium will den Fliegerhorst besser sichern. Für 2018 ist der Bau eines Außenzaunes geplant.